Ich glaub, ich steh im Wald

Wandern entschleunigt. Wandern kann aber auch ganz schön den Puls nach oben treiben, durch ordentlich Höhenmeter etwa, oder wenn man mit den Eltern im Wald den Weg nicht findet. Zur Vorbereitung eines gemeinsamen Wochenendes an der Mosel mit besten Wetteraussichten hatte ich zwei schöne, wie ich dachte: elternkompatible, Wanderungen vorbereitet: Burg Eltz und ein Stück Jakobsweg, mit anschließender Schifffahrt, Stück Kuchen und Tasse Kaffee. Burg Eltz hat funktioniert. Danach aber das Feedback: War zwar schön, aber geht es vielleicht auch mit weniger, also gar keinen, Höhenmetern und weniger als zwölf Kilometern? Hm. Wenn man nicht einfach nur an der Mosel entlanglatscht, keine so einfache Sache. Ich mache mich auf die Suche nach Ersatzwanderungen. Selbst die prächtigen Traumpfade-Touren finden keinen Anklang. Der Mann und ich enden mit den Eltern bei einem von „Nicky“ auf der Plattform Outdooractive hochgeladenen GPS-Track im Wald, zehn Kilometer, Einkehr an der Mühle. Wir werden am Ende mehr als 17 Kilometer auf der Uhr haben (sprichwörtlich: auf der Uhr), stundenlang durch den Wald geirrt sein, mehr Höhenmeter absolviert haben als bei der Burg-Eltz-Tour und fix und fertig literweise Getränke auf der Mühlenbierbank in uns hineinschütten. Einmal falsch abgebogen, lost in Moselwald, alle Wege führen im Kreis, es ist fast ein bisschen wie bei Blair Witch Project, wir kommen immer wieder an derselben Stelle heraus, weil die Wege offensichtlich nur forstwirtschaftlich genutzt werden und sprichwörtliche Holzwege sind, zum Teil mit eingebautem Wendezirkel für Großfahrzeuge. Irgendwann treffen wir auf einen Einheimischen mit Hund: Joschi. Joschi knurrt und bellt. Wir gehen ein Stück mit dem Einheimischen und seinem Joschi. Der Einheimische schickt uns irgendwann rechts den Berg runter, und damit beginnt das stundenlange Kreislaufen. Ich vermute, der wollte uns einfach loswerden, damit der Joschi nicht mehr knurrt und bellt. Mein Mann ist sauer, weil er aus Prinzip nur noch auf Satelliten und nicht mehr auf Menschen hört bei Wanderungen (womit wir meistens besser fahren). Ich bin sauer, weil ich mich wieder mal nicht durchgesetzt habe, auf einen Ersatzscheiß eingelassen habe, der am Ende schlimmer ist als die schöne Streckenwanderung mit Schifffahrt jemals hätte werden können. So säuern wir im Moselwald vor uns hin, halten irgendwie die Zweigenerationentruppe zusammen, stehen in einem Waldtümpel, streifen uns Zecken von den Waden, werden von zwei Rehkitzen überrascht (der einzig schöne Moment in qualvollen Stunden) und verfluchen den Einheimischen und seinen knurrenden Joschi. Immerhin hat die Geschichte das Zeug dazu, in der Kiste der Familienlegenden zu landen, die man auch Jahrzehnte später noch öffnen und gemeinsam über das Erlebte lachen kann.

Dieser Wald hier ist zwar im Bergischen und Herbst und nicht an der Mosel und im Frühjahr, und wir haben uns dort auch überhaupt nicht verlaufen, aber er muss trotzdem zur Bebilderung herhalten.

ein weiterer Wander-Failure im Sauerland