… dann kann er was erleben! Fachkräftemangel hin oder her, in der Kommunikationsbranche gibt es den nicht. Da werden auf eine ausgeschriebene Stelle Hunderte von Bewerbungen aus der ganzen Republik losgeschickt – wenig „Raum für“ lauter „Fascinating People“, um diesen unmöglichen Denglischmischmasch aus einer Stellenanzeige zu zitieren.
Die Masse an Bewerbern trägt nicht gerade dazu bei, den Kandidaten Wertschätzung beizumessen. Für Kommunikationsjobs können es sich die Arbeitgeber (immer noch) erlauben, den Benimm auch mal links liegen zu lassen. Beim Bewerbungsgespräch saß ich zuletzt hochrichterlich angeordnet 4:1, wobei die Stimmung atmosphärisch bei minus dreißig Grad lag – so, als hätte ich einen blutigen Anschlag in einer Kita verübt. Dabei möchte man sich nur adrett gekleidet vorstellen, um seine Miete bezahlen zu können.
Schon 2002, als ich nach Abschluss meines Studiums auf den Kommunikations-Jobmarkt stolperte, fand ich die Erfahrungen aus Bewerbungsgesprächen so traumatisch, ich habe sie schon damals aufgeschrieben. Titel: Jobyssee (muss ich auch mal posten). Heute, dreizehn Jahre später, hat sich die Lage nicht erkenntlich gebessert. Eher im Gegenteil. Aufgrund der Vielzahl der Bewerbungen werden die Eingänge einfach nach relativ kurzer Zeit abgeriegelt und der Arbeitgeber hofft, dass in diesem ersten Schwung dann das Passende dabei ist. Ist dem nicht so, wird die Stelle einfach kurze Zeit später nochmal ausgeschrieben. Die Arbeitgeber setzen auf mehrstufige Verfahren (mittlerweile sind drei Gesprächsrunden ganz normal) – und Psychotests. Der erstaunlichste war bislang das „Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung“ mit läppischen 210 Fragen.
Wenn man zum Zeitpunkt, zu dem diese Tests kommen (in der Regel noch vor der galoppierenden Gesprächskaskade), nicht noch ernsthaft an der jeweiligen Stelle interessiert wäre, würde es sich lohnen, die Fragen so zu beantworten, dass man psychopathisch, autistisch und hochgradig gestört rüberkommt. (Am Ende würde das dann die Erfolgschancen auch noch erhöhen, wer weiß?!) Außer mehrstündigen Telefonaten und Fragebögen schlagen auch Probeaufgaben immer mehr ins Kontor – das sind mittlerweile feinjustierte High-Level-Jobs, an denen man locker anderthalb Arbeitstage sitzt. (Ich hege den Verdacht, man lässt einfach seine Bewerber aktuelle To-dos abarbeiten und verwendet das später.) Wo man die Zeit dafür im Rahmen einer Vollzeitbeschäftigung hernehmen soll, ist ein ungelöstes Rätsel. Wer nicht liefert, ist raus. Auch wer keine Zeit hat, ist raus: Bei einem Gesprächstermin stand fest, dass ich an diesem Tag auf einem Berg in Südtirol rumstehen würde. Höflich bat ich um einen neuen Termin. „Also, Frau Harmuth, ich sag mal so: Wenn Sie am Dritten keine Zeit haben, dann sind Sie jetzt raus.“ Gut, so kann man die Bewerbermenge auch wirksam reduzieren, es fragt sich nur, ob so die besseren Bewerber übrig bleiben.
To be continued… Bewerbungen werden mich noch sehr beschäftigen in nächster Zeit.
Vielleicht sollte ich beruflich auch umsatteln – Möglichkeiten sind gegeben:
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| Kalendergirl? Mein Bruder arbeitet als Werkstattleiter bei Porsche, da hätte ich jedenfalls genug Material zum Üben. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.

