Fünf Tage haben der Mann und ich in Lissabon verbracht und wir hatten Glück mit dem Wetter. Also fünf Tage Herumlatschen, In-der-Sonne-Sitzen, das Leben genießen und Lissabons schöne Seiten schätzen, auch wenn es bereits im Februar überall unglaublich voll bis verstopft zuging in den engen Gassen, der legendären Straßenbahn 28 und auf der Promenade nach Belém.
| Blick über die Stadt vom Parque Eduardo VII |
Erst ganz zum Schluss haben wir ihn entdeckt, aber er war der krönende Abschluss unseres Aufenthalts: Parque Eduardo VII, so benannt nach dem Besuch des englischen Königs Edward VII in Lissabon im Jahr 1903. Eine große, rechteckige Fläche, in Verlängerung der Avenida da Liberdade oberhalb des unglaublich trubeligen, vollen und lauten sechsspurigen Hauptverkehrskreisels Marquês de Pombal stetig ansteigend. Am oberen Ende des Parks angekommen, bietet sich eine wunderschöne Sicht über die Stadt, über Burg und Altstadt bis ans Meer. Es lohnt sich, die verbleibenden paar Schritte weiter hoch zu gehen, durch den sich anschließenden, einer Fado-Sängerin gewidmeten Jardim Amália Rodrigues, um zum idyllischen Café am Lago do Parque zu gelangen und dort köstliche Pasteis de Nata oder frisch zubereitete Speisen am plätschernden, kühlenden Wasserstrahl des kleinen, künstlich angelegten Sees zu genießen. Zum El Corte Inglés, angeblich dem größten der iberischen Halbinsel, sind es von dort nur ein paar Schritte. Am erstaunlichsten ist der Kontrast zwischen fast klösterlicher Ruhe im Café und dem Lissabonner Großstadtverkehrstrubel, der in alle Richtungen nur wenige Schritte entfernt scheint.
| Sehr lange habe ich auf der Mauer in der Sonne gesessen und den Vögeln in den kunstvoll gestutzten Hecken zugeschaut. Und natürlich ab und an auch den Blick schweifen lassen. |
| Wortwörtliche Steinpilze im Botanischen Garten |
Auch ein Park, ein ganz kleiner: Estrela, im Stadtteil Campo de Ourique. Der Baumbestand ist wunderschön, ich stand staunend vor dem größten, gigantischsten Gummibaum, den ich mir nicht hätte vorstellen können. In wenigen Minuten hat man den Park zu Fuß durchschritten, aber die Pflanzenwelt ist – zumindest für mich als Laien – sehenswerter als die im Botanischen Garten, für den man Eintritt bezahlt. Im Estrela-Ententeich tummeln sich allerlei Federviecher unterschiedlicher Farbe und Größe, es gibt einen schönen Kiosk daneben, in dem von drei jungen Männern in schönster portugiesischer Laisser-faire-Langsamkeit Smoothies und Kaffee zubereitet werden und der Cemitério dos Prazeres sowie die zum Riesenimbiss mit Live-Musik umfunktionierte Markthalle Mercado Campo de Ourique sind nicht weit. Weil der ganze Stadtteil Ziel und der Friedhof Prazeres Endstation der Straßenbahn 28 sind, kann man die Strecke von oder zu der Innenstadt mit dieser bestreiten und wie in einem holzvertäfelten Osterei die steilen Gassen Lissabons auf knarzigen, quietschenden Gleisen auf und ab rumpeln und kullern. Die Eléctrico 28 ist allerdings tagsüber schon im Winter stets restlos überfüllt. Es lohnt sich, bis nach 21 Uhr zu warten, dann kann man verträumt und entschleunigt in der historischen Bahn sitzen und sieht was von der Stadt, statt von Touristenbäuchen und -hintern eingequetscht zu werden.
| Rumpel, rumpel, quietsch: Die Eléctrico 28 auf ihrem Weg durch die Stadt |
| Ruhige Nachbarschaft: die in Reihenhäuschen residierenden Toten von Lissabon auf dem Prazeres-Friedhof |
Die Endstation Cemitério dos Prazeres der E28 ist eine Stadt der Toten. Auf dem Friedhof stehen in Reih und Glied und in Gässchen unterteilt Familienmausoleen. Viele haben eine Glastür mit schönsten Spitzenvorhängen und der geneigte Friedhofsbesucher kann einen Blick auf die unterschiedlichen Verwesungszustände der Grabinsassen werfen. Sind die Särge heillos auf morschen Planken übereinandergerutscht oder liegt jeder Tote noch ordentlich in unversehrtem Sarg mit Spitzendeckchen auf der für ihn vorgesehenen Marmorplatte? Die Ärmeren trifft es noch im Tod härter als die Wohlhabenden, diese stürzen ein und heillos ineinander, während jene, auf Marmor gebettet, in geordneteren Bahnen durchhalten.
Die entlang der Grabstätten-Gässchen vom Friedhofspersonal in Reih und Glied und regelmäßigen Abständen aufgestellten Mülltonnen erwecken den Anschein, als stellten die Toten wie ordentliche Hauseigentümer brav den Müll raus. Auf den Mülltonnen liegen oft große, träge, gut genährte Katzen. Horden von ihnen bevölkern den Friedhof, an den Fluglärm über ihnen und die vielen an ihnen entlangschreitenden und sie entzückt fotografierenden Touristen gewöhnt und sie keines Blickes würdigend.
Mit der Fähre vom Bahnhof Cais do Sodré über den Rio Tejo zum Anleger Cacilhas und dann zu Fuß immer an der Küste entlang zur Jesusstatue Rei Cristo, die man von Lissabon aus ihre Arme über die wuselnde Geschäftigkeit ausbreiten sieht. Der Weg gestaltet sich beschwerlicher als gedacht, weil wir am Lokal Ponte Fino den Treppenaufstieg nicht sehen, mit dem Elevador nach Almada ein Stück weiter nicht fahren wollen und so über ein zerfallenes Lagerhallenareal über Glas, Bruch, Balken und zwischen morschen Mauern hindurch unseren Weg nach oben zur Statue machen. Steil, ungemütlich und beschwerlich. Das passt gut dazu, dass man zu Jesus finden will. An der Statue angelangt, möchte man direkt wieder davonlaufen, weil furchterregende klerikale Musik aus unzähligen Lautsprechern den ganzen großen leeren Platz erfüllt. „Ist hier noch Weihnachten?“, fragt sich und mich der Mann. Das letzte Stück rückt man dem Jesus mit einem Elevador in seinem Inneren näher. Oben angekommen, schaut man auf die unermüdliche Stadt am anderen Ufer, hört dem Lärmen des Verkehrs auf der Ponte 25 de Abril zu und lässt sich von den weit ausgebreiteten Armen des Heilands beschützen.
| Blick von der Statue auf Lissabon (links) und Almada (rechts) |
| Man pirscht sich von hinten über einen großen Platz an die Statue heran. Deren Blick und die offenen Arme sind auf das andere Ufer, die Stadt Lissabon, gerichtet. |
| Auf dem Aqueduto das Águas Livres. Hier ist man allein. Wir trafen auf ein verstörtes osteuropäisches Paar, das uns entgeistert fragte, ob das denn nun alles sei, einfach auf der Mauer hin- und herlaufen? |
Auf dem Weg zum Aqueduto das Águas Livres kommt man durch den kleinen Jardim das Armoreiras. Ein weiterer schöner Parkkiosk, bevölkert und besucht von Einheimischen, an einem Teilstück des alten Aquädukts. Am Samstagvormittag saßen wir inmitten portugiesischer Generationenvielfalt: Senioren mit Zeitung und Espresso, junge Familien mit in der Spielplatz-Straßenbahn tollenden Kindern. Das Aqueduto das Águas Livres ist der Teil der historischen Wasserleitung, der nicht einfach nur rumsteht und verfällt, sondern der hergerichtet und begehbar ist. Unser Reiseführer („Lissabon zu Fuß entdecken“, Polyglott) schreibt von einem „unvergesslichen Erlebnis“, aber da ist der Gang des Gatten über die Chinesische Mauer allein am frühen Morgen schon beeindruckender. Einen Kilometer läuft man auf der imposant hohen Mauer entlang, schaut ins Alcântara-Tal hinab, durch das der Autobahnverkehr saust und das der Flugverkehr umbraust.
Und was ist mit den Pasteis de Nata, den Blätterteig-Vanilletörtchen, in Bélem, zwei Kilometer von Lissabon entfernt? Die lassen sich genausogut beispielsweise im schönen Café Gelo am Praça Dom Pedro IV (Foto) oder im oben erwähnten Café oberhalb vom Parque Eduardo VII genießen. Vorteil: viel weniger los und keine Touristen-Hundertschaften in Schlangen vor der Tür.
| Praça Dom Pedro IV |
Lissabon ist die Stadt der Kacheln, azuleijos. Es scheint sehr viel Geld in die Renovierung der Hausfassaden geflossen zu sein. Abseits der Touristenströme sieht man Häuser und Gassen, deren Außenkacheln nicht erneuert wurden – so kann man sich vorstellen, wie es vor wenigen Jahren, bevor der Städtetourismus-Boom einsetzte, in der ganzen Stadt ausgesehen haben muss. Wer in kunstvollem Kachelambiente im Innern sitzen möchte, geht essen im Casa do Alentejo in der Nähe vom Rossio. Von außen unscheinbar bis ruinös, im Innern hochherrschaftliche Pracht, Holzvertäfelung und feinste Kachelarrangements an jeder Wand. Das Essen ist einfach, aber gut und unschlagbar günstig.
| Aufgang zum Restaurant |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.