Ich wünsche mir oft, im übertragenen Sinne mehr am Boden zu bleiben. Die Wahrscheinlichkeit nicht abzuheben kann, im wörtlichen Sinne, erheblich gesteigert werden, indem man in Portugal oder Brasilien mit dem Flugzeug unterwegs ist. Es gibt eine Form der portugiesischen Langsamkeit, die einmalig ist, mir schon im Madeira-Urlaub begegnete und die jetzt dazu führte – am Boden zu bleiben.
Nach ein paar Tagen in Lissabon (über die noch zu berichten sein wird) steht die Weiterreise nach Brasilia an. Der Mann und ich sind froh, einen Direktflug zu haben. Über Umsteigen in Sao Paulo haben wir Schlimmes gehört. Am Ende würde man noch den Anschlussflug verpassen. Der Mann und ich sind dennoch zwei Stunden vor Boardingzeit am Lissabonner Flughafen. Der Mann und ich werden am Ende fast unseren Flug nach Brasilia verpassen. Es liegt an unendlich langen Schlangen, in denen man steht, ohne dass sich irgendetwas ändern oder bewegen würde, weil Counter nicht besetzt sind oder sich nur ein Menschlein mit den Anliegen sehr wortreich kommunizierender Großfamilien, die sich um den Counter herum aufgefächert haben, befassen muss. Das dauert. Auch an Stellen, an denen man forsch voraneilen könnte, werden diese Gummizug-Menschenstrom-Kanalisierungs-Sortierbahnen eingesetzt, so dass man zehn Minuten herumsteht, nur um später weitergehen zu können. Hinzu kommt diese Mischung aus Gleichmut und Gemütlichkeit, die ich nach meinem bisherigen Erfahrungsstand als typisch portugiesisch einordnen möchte. Über die portugiesische Kultur hat sie es bis nach Brasilien geschafft. Während in Portugal eher eine schwermütige Lethargie das Verhalten umrahmt, garniert in Brasilien immerhin ein freundlich-optimistischer Spirit die Langsamkeit. Das macht den Umgang zwar netter, man fühlt sich als Mensch eher angesprochen als von einer leer blickenden und die Schultern zuckenden portugiesischen Flughafenangestellten, aber im Ergebnis produziert es trotzdem großen Stress.
Am Lissaboner Flughafen kann nach der gefühlt achten Gummizug-Menschenstrom-Kanalisierungs-Sortierbahn der Ausweis vom Mann nicht gescannt werden. Auch die geschulte Hand einer Helferin, die von Scanner zu Scanner eilt, scheitert. Mein Ausweis wurde erkannt, ich stehe bereits hinter der Glaswand und verfolge mit zunehmender Unruhe das Geschehen. Das erreicht seinen Höhepunkt, als der Mann von der Scannerhelferin ans Ende einer sehr langen Schlange gebracht wird, die sich vor einem einzigen Häuschen zur persönlichen Ausweiskontrolle gebildet hat. Dutzende Menschen knubbeln und stapeln sich in der Gummizug-Menschenstrom-Kanalisierungs-Sortierbahn. Ich beginne zu schwitzen. Wir haben noch eine halbe Stunde bis zum Flug. Das Boarding läuft schon lange. Alles, was nach Flughafen- oder Airline-Personal ausschaut oder irgendeine Uniform trägt, wird von mir angefleht, bitte meinen Mann aus der Schlange zu holen. Es interessiert keinen. Die Antworten reichen von „Don´t worry, Ma´am“ bis „You have to get out of the security area“. Vor lauter Nervosität weine ich fast, surre wie eine verirrte Stubenfliege hinter der Glasscheibe herum und scheitere mit meinem verzweifelten Singsang an der Mischung aus Gleichmut und Gemütlichkeit meiner Mitmenschen. Der Mann sieht aus, als würde er demnächst anfangen, die Menschen vor sich der Reihe nach zu essen, um schneller dranzukommen. Zehn Minuten vor Abflug kommt er verschwitzt und hochaggressiv zum Häuflein Elend, das ich zwischenzeitlich geworden bin, und wir rennen zum Gate. Gott sei Dank ein Flug mit Gangway, sonst hätten wir es wohl vergessen können. Mit 280er-Puls treten wir unsere Fernreise an.
Auf dem Rückweg scheitern wir doch noch an den Prozessen des portugiesischen Fliegens. Der Flieger aus Brasilia landet pünktlich, gut, denn wir haben nur eine Stunde Zeit bis zum Anschlussflug. Wir stehen sehr lange auf dem Rollfeld. Nicht gut. Wir stehen sehr, sehr weit draußen auf dem Rollfeld. Nicht gut. Wir fahren mit dem Bus die „Große Flughafenrundfahrt – alle Terminals inklusive!“. Gar nicht gut. Endlich im Gebäude angelangt, rennen wir um unser Leben, werden aber sehr schnell von Gummizug-Menschenstrom-Kanalisierungs-Sortierbahnen zu verschiedenen Zwecken, von Passkontrolle bis Sicherheitscheck, ausgebremst. Wir rufen und winken, es sind noch 20 Minuten bis zum Anschlussflug, die Nerven liegen blank, wir flehen alles, was zwei Beine und eine Flughafenuniform hat, an – Gleichmut und Gleichgültigkeit. „You have to queue up here.“ Ich brülle „Cologne, Cologne, please! At seven!“ Der verzweifelte Mann hinter mir stimmt ein, „Venice, Venice, please! Also at seven!“. Wir verrecken zusammen beim Sicherheitscheck, wo in aller Seelenruhe meine Tasche zur Sonderuntersuchung aussortiert wird. Ich reiße dem Sicherheitsmenschen meine Wasserflasche aus der Hand, leere das Wasser in einen Mülleimer, stopfe sie wieder in die Tasche, mein Mann sieht aus, als würde er gleich den Sicherheitsmenschen essen. Wir schnappen unsere Sachen und rennen weiter, „YOU ARE NOT ALLOWED TO DO THIS!“, wird uns – in Großbuchstaben – hinterhergerufen. Wir stürmen zum Gate. Dort teilt man uns sehr ruhig mit, dass uns leider kein Shuttle mehr zum Flugzeug bringen wird. Wir müssen auf einen späteren Flug umbuchen. Mein Herz rast, ich jammere und rechne damit, dass wir als nächstes aufgrund unseres Verhaltens an der Sicherheitskontrolle verhaftet werden. Es kommt schlimmer, denn wir müssen zum Service-Schalter der Airline, vor dem sich bereits eine sehr lange Schlange gebildet hat. Wir stehen eine Stunde lang an. Das können wir jetzt immerhin schon sehr gut. Wir treffen den Mann, der nach Venedig wollte, wieder. Bis wir dran sind, sind zwei mögliche Alternativflüge am Vormittag bereits ausgebucht. Wir haben sieben Stunden Aufenthalt. Die nutzen wir für ein ungeplantes Wiedersehen mit Lissabons Innenstadt.
Unsere brasilianischen Binnenflüge verliefen ähnlich. Dort gab es ebenfalls sehr viel stressbedingten schlechten Körpergeruch an diversen Check-in-Schaltern und Gates. Stundenlanges Schlangestehen inklusive. Der Mann sagt, nirgends sonst auf der Welt habe er jemals einen solchen Stress an Flughäfen gehabt. Durch seine Dienstreisen hat er einen größeren Vergleichsradius als ich. Er teilt mir mit, er werde künftig nicht mehr in Länder reisen, in denen portugiesisch gesprochen und gehandelt wird. Muss ich meine Freundin, die noch ein paar Jahre in Brasilien leben wird, das nächste Mal also alleine besuchen? Vamos ver, wie der Portugiese sagt.
| Gelandet im Nirgendwo, aber immerhin gelandet: auf dem Mini-Flughafen von
Lençóis
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Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.