Dirt Roads in der Chapada Diamantina

Eine Gegend, die früher von Minenarbeit dominiert wurde und in der Diamantenschürfer ihr Glück und Auskommen suchten. Heute wird die Steppe – Serrado – für den Wandertourismus vermarktet. Wir haben uns anlocken lassen. Und nicht viel bewegt: 36 Grad Celsius, Steppe und Wandern sind kein Dream-Team.

Ich habe mein Herz an die Dolomiten verloren. Am liebsten würde ich jeden Urlaub dort verbringen. Gleichzeitig will ich nicht mit Anfang 40 schon so festgefahren, engstirnig und unflexibel sein. Deshalb kommen auch andere Reiseziele auf die Liste, noch dazu, wenn sie mir auf dem Silbertablett präsentiert werden von meiner Freundin, die mit ihrem Mann um die Welt zieht und aktuell in Brasilien lebt. Brasilien also, erst Brasilia, dann Salvador und die Chapada Diamantina. Letztere sieht so aus, als wären die Winnetoufilme hier und nicht im ehemaligen Jugoslawien gedreht worden.

Wir stapfen am ersten Wandertag von dreien hochmotiviert los, haben zum Glück viel mehr Wasser dabei als empfohlen und versuchen, das Vertrauen in den Guide aufrechtzuerhalten, der immer mal wieder andere nach dem Weg fragen muss, das Ziel der Tour nicht findet und vermutlich nicht so recht wüsste, was zu tun wäre, würde einer von uns in der Hitze zusammenklappen. Also halten wir tapfer durch und gelangen zum Tages-Highlight, einem Wasserloch. Jedes Nilpferd in Afrika würde darüber die Nase rümpfen. Hier wird es von Einheimischen wie Touristen begeistert als Badeanstalt genutzt. Aufgrund des schlechten Geruchs traue ich mich nicht ins, sondern nur ans Nass und halte Hände und Beine hinein. Die kurze Erfrischung beschert mir die erste Bindehautentzündung meines Lebens. Nur wenige Stunden später triefe ich aus meinen verklebten Sinnesorganen wie ein märchenhaft niemals versiegendes Brünnlein goldenen Sekrets.

Am zweiten Tag schaukeln wir in einem Fiat Uno, dessen Baujahr nur unwesentlich später als meines liegt, ohne nennenswerte Stoßdämpfer und mit einem Motor, der mit Einschalten der Klimaanlage den Betrieb einstellt, über unbefestigte Staubstraßen, Dirt Roads, stundenlang. Expeditionsziele sind unter anderem ein Wasserfall, der aufgrund der zu trockenen Regenzeit eher an eine Regendusche erinnert und Höhlenmalereien, zu denen der Guide wild herum phantasiert. Mein Körper bröckelt auf den Rumpelfahrten dazwischen, nachdem die Seele bereits nach wenigen Kilometern aus ihm gefahren ist, in Stücke wie ein zertretenes Legohaus. Ich liege im Auto, während die anderen zu Mittag essen, und beschwöre meine Lebensgeister zur Rückkehr. Wir steigen zum Abschluss des Achterbahntages immerhin noch auf den mit 1100 Metern höchsten Berg der Gegend um Lençóis, den Pai Inácio, allerdings vom fast am Gipfelkreuz gelegenen Parkplatz aus. Angesichts der Hitze verzeihe ich mir das. In den Dolomiten wäre es unverzeihlich.

Die für den dritten Tag geplante Tour ins Pati Valley sagen wir ab – dies bedeutete ungefähr vier Stunden Staubstraßenrallye mit einem dafür nicht annähernd geeigneten Auto. Stattdessen stapfen wir durch den direkt von unserem Hotel aus erreichbaren Nationalpark von Lençóis. Und das wird dann die schönste Tour von allen. Fantastische Felsformationen, vom Wasser und dem Dynamit der Diamantenjäger geformte Landschaften, Wald und Sand. Unterwegs gabeln wir einen jungen Kater auf, der sich verlaufen hat oder ausgesetzt wurde. Er folgt uns bis fast zurück ins Dorf, dann verschwindet er plötzlich maunzend unter einem Felsen und ich bin untröstlich. Der Guide hält mich davon ab, dem Kater hinterherzuspringen und ihn unter dem Felsen herauszulocken. Tief betrübt schlurfe ich den Rest in glühender Hitze ab, trinke wenige Minuten später eine frisch geschlagene Kokosnuss bei einem Hüttenbewohner am Dorfrand aus und wünsche mir von ganzem Herzen, dass das kleine Katerchen den Weg dorthin finden wird.

Los geht`s! Erster Wandertag in der Chapada Diamantina in sengender Hitze. Links einer der drei „Three Brothers“, in der Mitte ein Berg, dessen Namen ich vergessen habe, den ich aber „Cupcake Berg“ getauft habe.

So ganz genau habe ich bei diesen Brücken lieber nicht hin und schon gar nicht hinunter geschaut.

Im Park von Lençóis

Blick vom Pai Inácio
Das am mühelosesten erstiegene Gipfelkreuz meines Lebens auf dem Pai Inácio