Dass es Menschen gibt, die Bäume umarmen, war mir geläufig (kann man aktuell beispielsweise bei Hanka im Dschungelcamp besichtigen). Das Nuckelbaum-Phänomen hingegen war mir bislang nicht begegnet. Bis zum letzten Wochenende. Im Kölner Rheinpark, nach einem ausgiebigen Spaziergang mit dem Mann, stoßen wir auf einen mit Schnullern, Nuckelflaschen und allerlei Babyzeug behangenen Baum. Was ist das? Ein Sehnsuchtsbaum für Paare mit Kinderwunsch? Eine Sammelstelle für im Park aufgelesene Kleinkindartikel? Während ich mich das frage, radelt eine junge Mutter mit Kind heran. Das Kind weihnachtengroß aufgeregte Augen, in der Hand eine Nuckelflasche am Band. Ich frage die Mutter, ob sie mir erklären kann, was es mit dem Baum auf sich habe. „Hier hängen Eltern als Ritual die Dinge auf, von denen sich die Kinder entwöhnen sollen, bei uns heute die Nuckelflasche“ – Kind nickt – „unser Schnuller hängt auch schon am Baum! Hat super funktioniert damals, deshalb machen wir das jetzt wieder!“ Und Mutter und Tochter schreiten zur Tat, also zum Baum. Ich bin sehr erstaunt, was es heutzutage so alles an Phänomenen und Ritualen in der frühen Kindheit gibt. Würde ich, wenn ich ein Kind hätte, auch diesen armen Baum mit Plastikmüll behängen? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich kann man heute den Schnuller dem Kind nicht mehr nur einfach wegnehmen, ohne gleich soziale Ächtung zu riskieren. Im Internet habe ich ein Foto gesehen von einem Nuckelbaum, an den jemand zu den ganzen Schnullern und Nuckeldingern ein ausgelatschtes Paar Turnschuhe gehängt hat. Ein Sportsüchtiger, der sich von seinen Laufschuhen entwöhnt? Ein Kinderloser, der auch etwas beitragen wollte? Es gibt Alltagsphänomene, die werfen einfach nur Fragen auf. Vielleicht gibt es in Zeiten der alternden Bevölkerung und demografischen Verschiebung irgendwann auch Gebiss- und Rollatorbäume. Lassen wir uns überraschen.
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| Der Rheinpark-Nuckelbaum im Anfangsstadium. Mittlerweile hängt deutlich mehr Material am Ast. Foto: www.bilderbuch-koeln.de |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
