Notizen aus Bali: Die Opfergaben

Sie sind allgegenwärtig. An nahezu jeder Treppenstufe, vor jedem Hauseingang, auch wenn man bei vielen Eingängen nicht von Haus sprechen oder auch nur an Haus denken kann, auf jedem Armaturenbrett geschlossener Fahrzeuge mit drei oder vier Rädern, auf Mauern, vor Tempeln, auf dem Boden (bloß nicht drauftreten! Immer Augen offen halten und b l o ß  n i c h t  d r a u f t r e t e n!): Alles ist voll mit kleinen, aus Palmblattstreifen geflochtenen, mit Früchten und Blumen gefüllten Opferkörbchen für die Götter. Dreimal täglich müssen Frauen Opfergaben anrichten, nach einer festgelegten Zeremonie auslegen und so die Götter milde stimmen. Für die Dämonen gibt es auf Blättern daneben Reiskörner, auch TUC-Cräcker und Zigaretten habe ich gesehen. Die will man schließlich auch nicht gegen sich aufbringen, die Dämonen. Geht es auf Bali ums Heiraten, haben diejenigen Frauen bessere Karten, die der traditionellen Fertigung und Auslegung von Opfergaben mächtig sind. Kann eine Frau das nicht: Abzug in der B-Note. Die Frau des Fahrers, der uns bei unserer Rundreise begleitet hat, war jedenfalls sehr kundig im Opfer-Anordnen. Man hatte das Gefühl, sie habe jeden Tag in Sachen Fingerfertigkeit und Filigranität des Arrangements auf dem Armaturenbrett noch eine Schippe draufgelegt. Den Göttern scheint´s auch gefallen zu haben, denn trotz teils haarsträubend knapper Abstände und für mitteleuropäische Gemüter unvorstellbaren Verkehrssituationen ist nie etwas passiert. Die Kehrseite der Opfergaben sind die so ans Haus gefesselten Frauen – wer arbeitet, kann nicht rund um die Uhr mit Anordnen, Auslegen und Darbringen beschäftigt sein – und der Müll. Unfassbare Mengen der Körbchen liegen am Straßenrand, denn sie werden nie weggeräumt, sondern es werden einfach immer nur neue dazugestellt. Alles bleibt einfach liegen. Und ein paar Stunden später kommt dann schon wieder die nächste hunderttausendfache Ladung an Opferkörbchen dazu.

Das ist ein Dämon. Dämonen und Hexen sind immer gut am deformierten Überbiss und den großen Brüsten zu erkennen.

Prozessionen mit entsprechenden Opfergaben, dann kunstvoll aufgetürmten Obst- und Blütenarrangements, sind auch häufig anzutreffen. Sie ziehen sich oft über mehrere Tage hin.