Ich habe von einem betagten Mann gelesen, der seit Jahren jeden Tag in den Freizeitpark fährt. Das Phantasialand im rheinischen Städtchen Brühl ordnet die Tagesstruktur dieses Herrn. Nicht, dass ich mir nicht auch vorstellen könnte, mein Altenteil im Café Heino, das es also nicht nur in Bad Münstereifel, sondern eben auch im Phantasialand zu geben scheint, abzusitzen – es ist aber eher unwahrscheinlich, dass ich mich fürderhin zu Freizeitparks hingezogen fühlen werde.
Strenggenommen war das noch nie der Fall. Fahrgeschäfte jeglicher Art, ob in weitläufigen, mit Fressbuden vollgestellten Remmi-Demmi-Parks oder auf Jahrmärkten inmitten mit Fressbuden vollgestellter Gemeindeflächen, waren mir schon immer unheimlich. Schon das Kettenkarussell konnte ich immer nur sehr schlecht und mit aufsteigender Übelkeit ertragen. Nun will man als Kind unter Gleichaltrigen ja nicht den Vollhonk geben und macht mit, beißt auf die Zähne und krallt sich an der Kette oder am Körbchen im Karussellsessel fest, aber mir war immer blümerant hinterher und ich stets froh, wenn alles vorüber war. Gute Zeiten brachen diesbezüglich für mich an, als ich als junge Erwachsene einfach nicht mehr in die Verlegenheit kam, aus Gruppenzwang schlimme Fahrgeschäftminuten durchleben zu müssen.
Neulich habe ich einen Tag im Freizeitpark Tripsdrill in meiner schwäbischen Heimat verbracht, weil ich das meinem Cousin zu Weihnachten geschenkt hatte. Offenbar war ich der Ansicht, im bodenständigen Alter von 40 Jahren das Karussell- und Achterbahnfahren nochmal in Angriff nehmen zu können, ich wüsste nicht, warum ich sonst dieses Geschenk hätte wählen sollen. Es war jedenfalls nicht die beste Idee der letzten Jahre, dieses Geschenk. Zumindest nicht für mich. Langsame Lulli-Runden zu Beginn habe ich noch mit Bravour weggesteckt, einfache Karussells, in denen schon Dreijährige drömmeln, gut verkraftet. In einer Kaffeetasse hockend, die sich um sich selbst und dann noch auf einer Platte insgesamt drehte, wurde mir schon ein bisschen schwindelig. Und dann standen wir, mein Cousin, sein Schulfreund und mein Mann, vor den Achterbahnen. „Ey, komm schon, das schaffst du!“, muntert mich der Schulfreund auf, als ich vor Schreck erstarrt zur Looping-Achterbahn aufschaue. Ich handele mit den beiden Zwölfjährigen aus, dass ich mit der einfacheren, loopinglosen Achterbahn einsteige, und sie die „Karacho“-Bahn für Fortgeschrittene ohne mich ausprobieren. Der Mann fährt begeistert mit. Irgendwann haben es die drei geschafft, ich sehe sie übers ganze Gesicht strahlend kopfüber in ihrer Gondel durch Schlaufen segeln und in Abgründe rattern. Vielleicht ist es ja doch nicht so schlimm, denke ich, und steige todesmutig mit der Männerriege in die loopinglose „Mammut“-Achterbahn.
Ich merke schon bei der Anfahrt, dass das ganz und gar keine gute Idee war. Die Fahrt gerät zur Nahtoderfahrung. Während alle um mich herum begeistert kreischen und sich mit ausgestreckten Armen locker speedgondeln lassen, kralle ich mich fest, woran immer ich mich festkrallen kann, und denke, ich muss sterben. „Ich S T E R B E!“, rufe ich laut aus, ächze, stöhne wie vor dem Jüngsten Gericht und erlebe sehr grausame zwei bis drei Minuten. Mir fehlt glaube ich ein Enzym oder ein Transmitter oder sowas. Ich taumele aus der Bahn, als es endlich vorüber ist, danke Gott, dass er mich nochmal hat von der Schippe springen lassen, und sitze eine Stunde lang flach atmend im Schatten, ins Leben zurückgeholt von Cola und einer Brezel. Das Jungstrio kann es nicht fassen, dass ich jetzt sogar Angst davor habe, in einer Art Badewanne eine Wasserrutsche herunterzufahren. Ach, das Leben ist auch einfach schon Achterbahn genug, um nicht auch noch freiwillig durch weitere fahren zu müssen, denke ich später am Tag so bei mir, mit neuem Mut in einem gemächlich rotierenden Winzerfass sitzend.
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| Durch diese Bahn geht es mit „Karacho“, da ist der Name Programm. Schisshase Harmuth hat sich gar nicht erst draufgetraut. |
Diese arme Frau muss sogar noch Hotdogs während der Achterbahnfahrt essen. Läuft unter dem Titel „Mission: Wahnsinn“. Ich hätte gar keine Hand zum Essen freigehabt!
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
