Lovely Lieser

Drei herrenlose Trollys auf offener Straße vor einem vorübergehend verlassenen Haus und ein paar Kilometer weiter drei erschöpfte Wandersleut, die verzweifelt versuchen herauszufinden, wo ebendiese Koffer sind: So endete die viertägige Wanderung auf dem Lieserpfad für den Mann, meine Freundin und mich. Zuvor gab es viel Natur, 74 Kilometer Wegstrecke und eine neue Liebe: Terrier Toni.

Nach dem Wildnis-Trail 2017 war dieses Jahr der Lieserpfad als mehrtägige Eifel-Etappenwanderung dran. Manuel Andrack, der diesen wundersamen Wandel vom Harald-Schmidt-Sidekick zum NRW-Wanderstar vollzogen hat, sagt, der Lieserpfad sei der schönste Wanderweg der Eifel. Das Herzstück ist der ursprüngliche Lieserpfad: die beiden mittleren Etappen von Daun über Manderscheid nach Wittlich. Die sind wirklich sehr schön. Die erste und letzte Etappe hingegen wurden wegen der Lieserquelle und der Mündung in die Mosel (bezeichnenderweise im Ort Lieser) hinzuerfunden und sind nicht ganz so reizvoll. Dafür gibt es dort andere Dinge zu erkunden, den Sauerbrunnen etwa.

Der Sauerbrunnen macht seinem Namen alle Ehre, unfassbar streng schmeckendes Quellwasser. Zwischendurch war er laut Tafel am Brunnen in Vergessenheit geraten, beim Probieren weiß man warum. Meine Freundin hat das Wasser sofort in hohem Bogen ausgespuckt, als hätte sie eine Wespe mit verschluckt, ich habe meinen Becher artig ausgetrunken, weil ich auf verdauungsfördernde Wirkung hoffte. Mir war dann noch eine ganze Weile etwas flau im Magen.

Ebenfalls auf der ersten Etappe kreuzten wir an einer Landstraße die Route der Tour de Deutschland, und zwar zeitlich passend, so dass das Peloton an uns vorbeirauschte. Ich hatte den Eindruck, dass an der Tour in Gänze mehr Begleitmotorräder der Polizei und Begleitfahrzeuge mit Dutzenden Ersatzrädern teilnahmen als Rennradfahrer. Für den Tourentrupp schienen die Tagesdistanzen von viermal 150 bis 190 Kilometern eher eine lockere Ausfahrt darzustellen, denn das ganze Rudel hat beim Vorbeiradeln munter durcheinandergequatscht. Hörte sich an wie eine Kaffeefahrt auf Rädern. Nur die Ausreißergruppe, vier, fünf Mann mit erheblichem zeitlichem Vorsprung, die hörte man nicht quatschen.

Der Lieserpfad führt einen an lauschigen Stellen der Lieser vorbei, durch die als „therapeutisch“ anerkannte Landschaft der Vulkaneifel, wie ich gelesen habe, und die Lieser ist ein ganz und gar sympathischer Fluss. Ich habe noch nie so einen langsamen Fluss gesehen. Auch therapeutisch. Meistens sieht die Lieser aus wie ein Teich oder Tümpel, der irgendwo rumsteht. Wasserläufer ohne Ende. Nur ganz selten gibt es mal sowas wie rauschende Fluten oder wasserfallartige Gebilde, und wenn, dann auch nur, weil ein Baum oder etwas anderes ins Wasser gefallen ist, um das die Lieser dann kraftvoll herum fließen muss. Man schreckt regelrecht auf, wenn plötzlich strudelnde Wassergeräusche oder gluckernde Sturzbäche auf sich aufmerksam machen, weil man die Lieser ansonsten akustisch nie wahrnimmt. Sogar die Moselmündung ist ganz und gar sanft und still. Oft schaut man auf die lauschige Lieser ganz weit unten herab, weil es dann doch immer mal wieder ein paar Höhenmeter gibt. Aber in ganz überschaubarem Rahmen.

Ansonsten ist es wie immer in der Eifel. Man verlässt den Weg, weil eine Beschilderung Einkehr verspricht. Man folgt dieser Beschilderung zur Einkehr „Deiwel“. Steht dann vor verschlossener Tür, seit zwei Jahren ausgedeiwelt. Niemand hängt jemals ein Schild ab bei sowas. In der Eifel zumindest. So sitzt man nicht im „Deiwel“, sondern auf einer morschen Rundbank in der Dorfmitte, unter der am Fahnenmast quietschenden Gemeindeflagge. Sonst bewegt sich nichts. Die Kirchturmuhr schlägt. Die nächste Einkehr, irgendwas mit Kloster, die angeblich an der Route liegt, erweist sich bei Durchschreiten des klangvollen Ortes Maring-Noviand als so weit abseits des Wegs, dass man wiederum ohne Zufuhr von Apfelschorle, Kaffee oder Radler den Weg fortsetzt. Maring-Noviand klingt so schick, verheißungsvoll und classy, dass man mindestens drei Vier-Sterne-Häuser mit angrenzendem Gestüt, Schlossgarten und eigener Seilbahn erwartet. Nichts davon. Ein gottverlassenes Eifelkaff. Eine Katze auf der Straße, immerhin lebendig.

Die Unterkünfte haben wir uns mit Monteuren geteilt, so roch dann auch das Zimmer samt Bettzeug meiner im Einzelzimmer untergebrachten Freundin, oder sie waren ungeputzt wie ich noch kein ungeputztes Zimmer im meinem Leben zum Nächtigen hatte. Also, zumindest keines, für das ich bezahlt hätte. Das letzte Mal, dass mir rings ums Bett Spinnen begegneten, war tatsächlich vor vielen Jahren mit einem den niederländischen Kräutern nicht abgeneigten Kerl. Damals war das nicht so schlimm, da habe ich einfach das Bett nicht verlassen und war abgelenkt. Diesmal, in der Eifel, habe ich vor Angst, eine Spinne könnte neben mir übers Laken spazieren oder sich apart von der Decke abseilen, kein Auge zugetan.

Nach vier abgewanderten Etappen sitzt man dann in Lieser an der Mosel, quatscht mit der Jutta vom Weingut Höwer, redet sich seinen Unterkunftsfrust von der Seele, die Jutta distanziert sich als der Moselregion Zugehörige aufs Äußerste von „denen in der Eifel“, man kauft zwei Flaschen Jutta-Mosel-Wein und fährt zurück zum Ausgangspunkt. Wo dann die Koffer nicht wie erwartet abgegeben wurden und auch niemand weiß, wo diese sein könnten. Anderthalb Stunden und diverse Telefonate mit Hotels, Fahrdiensten und Subunternehmern von diesen Fahrdiensten und einer Schwägerin später steht dann fest: Unsere Koffer wurden statt in unserem Starthotel in Daun in einer Pension in einem Teilort abgegeben. Die Pensionsfamilie ist im Urlaub. Der Subunternehmer vom Fahrdienst hat einfach unsere Koffer vor der Tür abgestellt und einen Kleber vom letzten Übernachtungshotel draufgepappt. Die Schwägerin der Pensionsfamilie schaut alle paar Tage nach dem Rechten und staunt nicht schlecht über die drei herrenlosen Koffer, die vor der Tür stehen. Sie kontaktiert die Pensionsfamilie, die sich die Koffer nicht erklären kann, dann das Hotel vom Aufkleber und so finden zwei Telefonstränge zusammen und wir zu unseren Koffern. Das war Glück. In Köln wären Koffer, die herrenlos irgendwo rumstehen, gesprengt worden. Woanders wären sie geklaut worden. Nur in gottverlassenen Eifelkäffern geht so etwas gut aus. Da stehen die Koffer einfach den ganzen Tag in der Gegend rum, bis irgendwann die Schwägerin kommt und zu telefonieren beginnt.

Die Lieser von ihrer besten – chilligen – Seite.
Von der Lieserquelle (befindet sich in einem Bassin im Boden hinter uns, in dem eine im Wasser treibende ertrunkene Spitzmaus mein Mitleid erregte)…
… bis zur Mündung in die Mosel führt der Lieserpfad. Dazwischen liegen 74 Eifelkilometer, verteilt auf vier Etappen.

Das ist Toni. Der Terrier wohnt in der Üdersdorfer Mühle zwischen Daun und Manderscheid, schaut dort nach dem Rechten, kläfft Wanderer an und verteidigt sein Stühlchen. Immerhin durften wir uns zu ihm an den Tisch setzen. Sein Frauchen sagte, sie müsse ihm alle paar Wochen mal die Ohren langziehen. Toni hätte ich am liebsten sofort und für immer mitgenommen.

2 Gedanken zu “Lovely Lieser”

  1. Liebe Melanie,
    durch Zufall habe ich gestern die Lieserquelle entdeckt und musste sofort an Deine Abenteuer denken. Dieser Teil der Eifel ist mir am liebsten – er ist der unzugänglichste auch weil dort die A1 ihren blinden Fleck hat. Manchmal frage ich mich, warum in die Ferne schweifen…

  2. Oh, ein Lieser-Gefährte bzw. eine -Gefährtin! Ja, in der Eifel gibt es Schönes zu entdecken. Im Moment bin ich nach meinem Urlaub im Kleinwalsertal allerdings wieder im Alpenmodus und sehne mich nach den "richtigen" Bergen…

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