LeseRattenReport: Der Tastenficker

Ich war skeptisch. „An was ich mich so erinnern kann.“ Allein dieser Untertitel schreit mir schon entgegen, dass da womöglich jemand schreibt, der besser nicht schreiben würde. Wäre das ein Untertitel von Max Goldt beispielsweise, wäre es anders, denn dann wüsste man ja bereits vorher, dass die Person definitiv schreiben kann und könnte so einen Untertitel dann schon wieder lakonisch-ironisch werten. Hier handelt es sich aber um Flake alias Christian Lorenz, Keyboarder oder eben „Tastenficker“ der Band Rammstein. Meine Skepsis wurde verdrängt von begeisterten Buchbesprechungen, unter anderem im KulturSpiegel, im „Haupt“-Spiegel fand es dann sogar Leander Haußmann gut, das Buch. Also habe ich es auch gekauft. Und gelesen. Von vorne bis hinten, immerhin. Vom Sprachstil, Satzbau und der Erzählweise her würde ich das Buch durchaus meinem Neffen zumuten, der dieses Jahr in die Schule kommt; er würde nur den Inhalt nicht verstehen. Wir lesen im Buch von einer DDR-Kindheit, einem jungen Menschen, der unbedingt mit Musik arbeiten und sein Leben gestalten will und der dies am Ende auch erfolgreich macht. Wir lesen leider gar nichts oder nur in homöopathischen Dosen von Rammstein. Auf der letzten Seite 386 des Buches steht denn auch: „Jetzt fällt mir auf, dass ich eigentlich gar nichts über Rammstein erzählt habe. Da will ich lieber vorher die Bandkollegen fragen, ob die nicht etwas dazu sagen wollen, denn da ist ja auch so viel passiert, dass es alleine schon ein Buch füllen würde. Also ich hätte Lust.“ Was man Flake zugutehalten muss, ist, dass er sehr selbstkritisch und sehr beherzt seine Geschichte erzählt, er hätte sich ja auch im Nachhinein glorifizieren und alles in seinem Sinne umdeuten können; das macht er nicht. Wir begleiten ihn oft beim Scheitern oder auf dem Weg in verfahrene berufliche wie private Situationen. Für mich hat das Buch den Eindruck verstärkt, dass man als Künstler geboren wird, nicht erst irgendwann dazu wird, und als solcher auch völlig anders durchs Leben geht, völlig anders auf die Welt schaut und gänzlich andere Lebensansätze verfolgt als sagen wir eine Kommunikations-Karla Kolumna wie ich. Und was ist dann so los, im Buch? Im Westen nichts Neues, könnte man sagen. Viele Absätze, eigentlich das ganze Buch lesen sich so: „Ich habe ja noch andere Hobbys als Autos. Jetzt versuche ich zum Beispiel, ein Buch zu schreiben. Das hat mir unser Gitarrist empfohlen, weil wir in dieser Saison keine Konzerte geben und ich wohl fälschlicherweise den Eindruck vermittelte, mich zu langweilen. (…) Ich wasche gerne ab. Wenn das schmutzige Geschirr so langsam abnimmt und die Küche immer besser aussieht, freue ich mich. Ich mache mir dann noch schöne Musik dazu an (…)“.

Flake: Der Tastenficker. An was ich mich so erinnern kann. Schwarzkopf & Schwarzkopf. ISBN 978-3-86265-439-0

Beim Aufschlagen des Buchs auf der Suche nach den Verlagsangaben stelle ich gerade fest, dass ich eine „handsignierte und nummerierte Sonderausgabe“ des Buchs besitze. Na, dann hebe ich es noch ein bisschen auf.

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