Der Crosstrainer, den ich mir vor einem Jahr gekauft habe und der mich durch den ersten Lockdown gebracht hat, steht jetzt im Keller. Da Lockdown nicht mehr der Ausnahme-, sondern der Normalzustand ist, galt es sporttechnisch um- und aufzurüsten. 2020 konnte ich mir sicher sein, dass ich in absehbarer Zukunft wieder auf einem Spinningrad in einem Fitnessstudioraum sitzen würde, mit den anderen Spinningverrückten keuchend und tropfend um mich herum. 2021 bin ich mir da überhaupt nicht mehr so sicher. Deshalb steht jetzt ein Spinningrad in meinem Schlafzimmer. Und vor der Küchenzeile wird regelmäßig die Turnmatte ausgerollt.
Schritt eins war, parallel zum Crosstrainer-Treten, Online-Pilates. Ich wollte nicht mehr allein vor aufgezeichneten Youtube-Videos den Schwan oder Roll-over machen, sondern wenigstens das Gefühl haben, mit anderen Menschen zusammen gleichzeitig dieselben Verrenkungen zu versuchen. Funktioniert mit den Online-Pilates-Kursen gut, auch wenn ich den Kachelfuck mittlerweile nicht mehr ertrage. Unser ganzes Sozialleben ist mittlerweile gekachelt wie ansonsten die Sanitäranlagen am Bahnhof. Büromeeting? Kacheln. Weiterbildung? Kacheln. Zwangloses Kaffeequatschen zwischendurch? Kacheln. Verabredungen mit Freunden nach Feierabend? Kacheln. Weinprobe? Kacheln. (Ja, auch das, Ingo sei Dank!). Aber ein Kontaktjunkie wie ich nimmt dann lieber grisselige rechteckige Flächen mit Übertragungsverzerrungen und blechernem Ton in Kauf, als gar kein Live-Erlebnis mit anderen Zweibeinern zu haben.
Also, Pilates-Zeit, Matte raus, zwischen Geschirrspülmaschine und Backofen mit Hilfe von Türstoppern gegen Mattenendenaufrollen ausgelegt. Abstand zu den Seiten reicht gerade so, um sich halbwegs mit kreisenden Armen und Beinen bewegen zu können, ohne sich an einem Schubladengriff, einem Wand- oder Regalstück blaue Flecken zu holen. In der Eigenansicht nervt mich gleich wieder mein Geschirrtuch im Hintergrund. Ich will Sport machen! Da hat so ein Küchenschrank mit Geschirrtuch einfach nichts verloren! Aber ich bin ja zum Pilates hier, also runterkommen, atmen, Geschirrtuch ignorieren. Es lohnt sich einfach nicht, das auch immer noch jedes Mal wegzuräumen. Nächster Aufreger: Die wenigen Männer, die bei den Live-Kursen dabei sind, haben überwiegend konsequent die Kamera aus. Die Frauen haben sie überwiegend an und winken sich zu, amüsieren sich über die mitturnende Katze in einer Kachel und sehen tröstlicherweise auch bei den anderen die provisorische Not-Lage der Turnmatte. Mein schlechtes Männerbild treibt wilde Blüten – was machen die? Linsen die lieber die angespannten Oberschenkel, wiegenden Hüften und aufrollenden Oberkörper der fleißigen Turnerinnen ab als selber mitzumachen? Bevor ich mich wieder aufrege (und überhaupt, dieses GESCHIRRTUCH!), starten Gott sei Dank die 100, 100-mal ein- und ausatmen, Oberkörper hoch mit angespannten Bauchmuskeln. Da komme ich auf andere Gedanken, nämlich: Mein Gott, wie überlebe ich es diesmal?!
Spinning läuft jetzt auch anders. Immerhin habe ich ein todschickes, pfuschneues Leihrad ergattert – nach monatelanger Suche und erniedrigendem, geradezu kriecherischem Anbetteln aller möglichen Leute und Kontakte, die ich aus zehn Jahren Spinning kenne. Jedes Mal, wenn ich vor dem schönen LifeFitness IC7 stehe, freue ich mich darüber, dass sich die Mühe gelohnt hat, auch wenn die Monatsmiete dafür ganz und gar nicht zu verachten ist. Das Training kommt, wie könnte es anders sein, über eine Online-Plattform. Immerhin gibt es hier keine Kacheln, sondern einen Livestream mit Chat, aber während der Stunde schaffe ich es kaum, mich zum Tippen zum Laptop runterzubücken, ohne meinen ganzen fragilen Trainingsaufbau zum Absturz zu bringen. Der Laptop steht nämlich neben dem Spinningrad auf meiner Wäschebox, die ist gerade hoch genug, dass die Ohrstöpsel vom Audio-Ausgang bis zu mir hinreichen. Ich habe zuvor das halbe mobile Wohnungsinventar durchprobiert, alles zu niedrig. Als nächstes werde ich wohl in Funkkopfhörer investieren, damit ich mich auf dem Rad mit einem etwas großzügigeren Radius bewegen kann und ohne meinen treuen, alten Laptop, der mich momentan mehr denn je mit der Welt verbindet, durch Mitchatten auf seinem Wäschebox-Stützpunkt zu gefährden. Je länger die Fitnessstudios geschlossen sein werden, desto ausgeprägter fällt ansonsten mittelfristig aufgrund der kurzen Ohrstöpselkabel mein Haltungsschaden aus.
Nun bin ich gespannt, ob das Spinningrad so lange in meinem Schlafzimmer stehen wird, dass sich der Mietpreis zum aktuellen Kaufpreis aufsummieren wird. Das wären so ungefähr zwei Jahre. Hergeben werde ich es jedenfalls so schnell nicht mehr – wer weiß schließlich, ob nicht das, was irgendwann geöffnet werden wird, ein Fitnessstudio zum Beispiel, dann zwei Wochen später wieder dichtgemacht werden wird? Mit meinem Küchen-Pilates bin ich da deutlich flexibler, aber das macht auch einfach deutlich weniger Spaß.
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| Kann man so machen… |
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| … ist dann halt aber Scheiße. Oder zumindest lange nicht so schön wie in einem dafür geeigneten Raum zusammen mit anderen. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.

