Köln ist keine prächtige Schönheit, aber sehr lebenswert und hat viele schöne Ecken, mal mehr, mal weniger verborgen. Der Kölnpfad, ein 170 km langer Rundwanderweg entlang der Ränder der Metropole, zeigt viele davon, und auch, wie ländlich große Städte jenseits des Inner City Trendy Hotspot Circle ausfransen.
Ein weißer Kreis auf schwarzem Grund kennzeichnet den Kölnpfad. Los geht es mit der Markierung praktisch vor meiner Haustür im Kölner Süden, am Gustav-Heinemann-Ufer, am Rhein entlang, über Weiß durchs Malerviertel, durch den Forstbotanischen Garten, an diversen Weihern vorbei nach Klettenberg. Dass man die Stadt nicht verlassen hat, macht einem auf dieser Etappe der Verkehr bewusst. Autobahnen und der Militärring sind über Kilometer nicht zu übersehen und zu überhören. An dem Wochenende im Winter 2021, an dem ich unterwegs bin, ist gerade das Hochwasser vorbei, die letzten Überflutungen in den Rheinsenken sind wegen der im milden Rheinland ungewöhnlich kalten Temperaturen ebenso gefroren wie die Weiher in den Stadtparks. Da wir im langen Corona-Lockdown leben, es klirrend kalt, aber sonnig ist, ist ganz Köln mit den Beinen, Schlittschuhen, Fahrrädern, Kinderwagen, Rollern, Hunden und was sonst noch aufs Eis zu bringen ist, auf den spiegelglatten Flächen unterwegs. Geräuschkulisse wie sommers im Freibad, nur ohne Plätschern, denn keiner bricht ein. Gefrorenes Wasser ist in der warmen Kölner Bucht ein Spektakel, entsprechend ausgelassen ist die Stimmung. Freigegeben sind die Flächen zwar alle nicht, Feuerwehr und Polizei schicken eine Warnung nach der anderen heraus, aber das interessiert die Kölner nicht. Et hätt noch immer jot jejange! In Scharen aufs Eis, wo schon der Karneval ausfällt, irgendwann ist es auch mal genug mit den ewigen Verboten, schon gar im lebenslustigen Köln.
Der Satz aus dem Kölner Grundgesetz bewahrheitet sich zum Glück auch auf dem überfrorenen Wegstück zu Beginn der Wanderung hinter Weiß, auf dem ich mich gemeinsam mit einem Paar schlitternd und von Halm zu Ast zu Baum hangelnd über das Eis manövriere. Wanderschuhe sind bei Eis wirklich kaum besser als italienische Ledersohlenschläppchen. Die Füße sind bestimmt wärmer, aber weniger rutschig ist es nicht. Selbst wenn ich welche besäße, hätte ich für eine Etappe des Kölnpfades aber keinesfalls Spikes angezogen oder mitgenommen. Mir kommt ein Rennradler entgegen, immerhin, das finde ich schon beeindruckend, ist er von seinem schmalbereiften Gefährt abgestiegen und schiebt es neben sich her. Er traut sich tatsächlich mit den Radschühchen aufs Eis und fragt mich, die gerade konzentriert zwischen zwei Zweigen am Wegesrand hängt, ob das Eisstück noch lange gehe, bis zur Kreuzung vorne. Ja, geht es. Frohgemut schlitter-schläppelt er mitten auf dem Eis davon. Vielleicht war´s Jesus. Ich gucke ihm nach, ob er jetzt auf der Eisfläche auch noch wieder aufs Rad aufsteigt, das macht er dann doch nicht, und bin froh, den Eistest auch selbst ohne Hinfallen zu meistern. Noch einen Sturz würde mir mein von einem Fahrradunfall (Ursache? Vereiste Kurve!) mitgenommenes Knie jetzt nicht unbedingt verzeihen.
Beim nächsten Mal geht es in Klettenberg weiter, einer beliebten Kölner Wohngegend. Am auch heute als Eislaufbahn genutzten Decksteiner Weiher hat das weithin für seinen einmalig unfreundlichen Service bekannte „Haus am See“ natürlich komplett zu, aber in der zum Minigolfplatz nebenan gehörenden Bude verkauft ein älteres Paar Kaffee, selbstgebackenen Kuchen und Waffeln. Die Schlange scheint endlos, aber die Sonne scheint auch, also reihe ich mich ein. Die Menschen haben sich an Warten, Abstand, Maske in den langen, dunklen Monaten des Corona-Winters gewöhnt und stehen geduldig an. Es lohnt sich. Das feiste Stück Marmorkuchen mit Kaffee, auf einer Bank am glitzernden Weiher mit der Sonnenbrille auf der Nase genossen, macht glücklich. Später streife ich mit nur wenigen Minuten Abstand auf der Karte die Gegend, in der der Mann, jetzt Noch-Mann und gegen Ende des Jahres wohl Ex-Mann, nun lebt. Ich überlege lange, an einer Mülltonne stehend, in die ich die wie immer sehr zahlreichen vollgeschneuzten Taschentücher werfe – ich weiß nicht, was das ist mit meiner Nase. Nicht nur ich beginne zu gehen, sobald ich draußen bin, auch die Nase läuft ununterbrochen – den Abstecher zu machen und zu gucken. Aber was bringt es? Was glaube ich zu finden? Was erwarte ich zu sehen? Ich gehe ohne Umweg weiter und breche das nächste Päckchen Taschentücher an. Hinter Bocklemünd, dem eigentlichen Zielpunkt der Etappe, hänge ich noch ein Stück dran, die Sonne scheint noch, ich bin so gut im Tritt und Trott. Vorteil einer solchen Stadtwanderung ist definitiv, dass man ohne Sorge einfach immer munter weiter drauf los latschen kann, weil die mögliche nächste Haltestelle und damit ein Ausstiegspunkt nie weit sind.
Mit einer Freundin steige ich in Bocklemünd wieder in den Kölnpfad ein. Für mich sind alle Wege an diesem Tag neu, sie langweilt sich ein wenig, weil sie in Ossendorf lebt und mit dem Rad oder zu Fuß schon oft auf ihnen unterwegs war. So verlaufen wir uns wenigstens nicht. Es gibt Stadtteile von Köln, Esch zum Beispiel, die mich überraschen. Es gibt lauschige Ecken, stattliche Häuser am See (die dann in Pesch) und sogar Gastronomie. Die natürlich geschlossen ist. Was die Verpflegung anbelangt, haben wir allerdings Glück und gleich mehrere Gelegenheiten, Eis, Kuchen und Kaffee sprichwörtlich abzusahnen, im Eiscafé am Worringer Bruch und später an den Buden am Rheinufer. Ein weiteres Highlight an diesem Tag, auch wieder sonnig und kalt, ist bei Thenhoven eine Schafherde, zu der auch ein paar Ziegen gehören. Meine Freundin und ich setzen uns an den Rand der Herde in die Sonne und gucken den Tieren zu, während wir quatschen und futtern. Die Tiere halten es genau so, sie mähen, futtern – und gucken uns zu, wie wir da sitzen, mit Rucksack, Sonnenbrille und Windjacke. Bis auf die frechen Ziegen traut sich aber keiner ran. Während wir am Rheinufer Langel Kaffee aus dem Pappbecher trinken, fährt ein Trecker zum Fähranleger vor, der Anhänger mit Heuballen beladen. Es ist März, es ist kalt, und offenbar gibt es linksrheinisch in Langel mehr Heu als rechtsrheinisch in Hitdorf. Wieso sollte man es sonst mit dem Trecker per Fähre rüberbringen? Das letzte Stück an diesem Tag führt auf dem Damm am Rhein entlang, der natürlich an einem Sonntag, der seinem Namen alle Ehre macht, zu Corona-Zeiten stark frequentiert ist. Was Wochen zuvor übers Eis rutschte, rollt jetzt hier. In Merkenich setzen wir für diesen Tag den Schlusspunkt und ich weiß jetzt, dass es da einen lohnenswerten Spargelhof gibt.
Dort wird sich dann die nächste Kölnpfad-Tour anschließen, die die Rheinseite wechselt. Ab Mülheim führt der Kölnpfad rechtsrheinisch weiter, bis man ganz am Ende über die Rodenkirchener Brücke den Kreis zum Anfang wieder schließt. Davon trennen mich aber noch einige Etappen und der eine oder andere Kölnpfad-Kilometer. Fortsetzung folgt, hier wie dort.
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| Ja, wer bist du denn? Ja, wer seid ihr denn? |
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| Schafherde, Sonne, Sonntag |
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| Hoch auf dem gelben Wagen – und wenig später auf der Fähre |
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| Bei der ersten Tour glitzert überall das Eis vom Hochwasser |
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| Eis-Weiher, sensationell. Alle drauf! |
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| Und wer selber nicht drauf geht, guckt den anderen vom Ufer aus zu. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.





