Das Flugzeug geht endlich runter, der Blutdruck hoch: Zwischen Landung und letztem ICE nach Köln bleibt sehr wenig Zeit. Der Pilot flog viele Schleifen um und über das nächtliche Frankfurt. Am Gepäckband lichten sich die Reihen, der Mann und ich sind nahezu die Letzten. Selten habe ich mich so über den heranscheppernden Koffer gefreut. Dann beginnt unser Sprint durch den Frankfurter Flughafen.
Zwischendurch muss ich laut aufschreien, weil ich Rennen hasse und das Gefühl habe, vor lauter Stress gleich wie eine Comicfigur zu platzen. Als es geschafft scheint und ich an der Rolltreppe zum Bahnsteig ankomme, sehe ich den Mann nicht mehr. Ist er jetzt geplatzt? Jedenfalls ist er unsichtbar. So ein Moment, über den es bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ heißen würde: „Es ist bis heute nicht geklärt, wie Melanie Harmuth ihren Mann aus den Augen verlieren konnte.“ Ich stelle bei abflachender Schnappatmung fest, dass es noch großzügige viereinhalb Minuten bis zur ICE-Abfahrt sind, rollere deshalb mit meinem Koffer ein bisschen hierhin, ein bisschen dorthin, luge nach draußen (ist er vor lauter Stress nochmal schnell ein paar Züge inhalieren gegangen?) und stelle mich schließlich auf die Rolltreppe. Vielleicht wartet er ja tiefenentspannt lächelnd am Gleis, der Mann. Auch nicht. Anrufen bleibt erfolglos. Mein Kerl ist weg. Hat sich während des Urlaubs gedacht: „Am Flughafen brenn ich durch. Leichte Sache, so wie die rennt, krieg ich die locker abgehängt.“ Der ICE fährt ein. Und der Mann ruft zurück. „So! Ich bin jetzt im Zug! Wo bist du, in welchem Abteil?“
Der Mann war in einen anderen Zug gehüpft (er hat erfolgreich am Gleiswechsel-Lotto der Deutschen Bahn teilgenommen), der fuhr zwar glücklicherweise auch nach Köln, aber am romantischen Rhein entlang. Es gab Zugführerkorrespondenz, denn der Mann hatte mein Ticket in der Tasche. Weil er auch die Wohnungsschlüssel hatte, schloss sich an meine schnellere Fahrt nach Köln ein längerer nächtlicher Aufenthalt am Kölner Hauptbahnhof an, der mich das Fürchten lehrte. DB-Servicepunkt-Personal: „WARTEN?! S I E wollen hier W A R T E N? Jetzt? Sie K Ö N N E N hier nicht warten! Gehen Sie bitte zur Polizei!“. Dort ließ man mich allerdings auch nicht warten: „Wir haben hier keinen Platz“, wurde ich von einer Schwerbewaffneten vor der Bundespolizei-Bude auf dem Bahnhofsvorplatz informiert. Schließlich fand ich bei Starbucks freundliche Herberge und ein Heißgetränk. Dort hatte ich genug Zeit, meinen nervlich desolaten Zustand etwas aufzupäppeln. Und mir vorzunehmen, künftig auf Reisen selbst einen Wohnungsschlüssel einzupacken.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
