Holzhochzeit hatten der Mann und ich: fünf Jahre Ehe. Wie immer, sind wir essen gegangen. Letztes Jahr mit Verspätung, weil sich der Angetraute versehentlich einen Zahnarzttermin auf den Hochzeitstag gelegt hat, aber dieses Jahr lief wieder alles. Sonst war die gewählte Location eher edel, dieses Jahr: dunkel. Wir haben einen Tisch und ein Menü in der Unsichtbar bestellt, einem Restaurant, in dem man im Dunkeln speist und von blinden Menschen bedient wird. Schon im Voraus waren wir etwas unsicher. Kann man überhaupt was Gescheites anziehen oder kleckert man sich im Dunkeln so voll, dass man besser gleich die Couchgarderobe, altes Shirt und ausgewaschene Buchse, wählt? Wie viele Gläser wird man wohl verschütten, weil die Hand im Dunkeln danebengreift? Bringt man überhaupt einen Bissen Essen herunter, wenn man im Dunkeln rumfummelt und nicht so recht weiß, was man da jetzt aufgegabelt hat? In der Unsichtbar angekommen, sind wir erstmal überrascht darüber, dass wir zu den Älteren gehören. Überwiegend Studierende als Gäste. Das Ambiente des Lokals folgt der Logik: Wird im Dunkeln gegessen, sieht eh keiner was, also muss man sich auch keine Mühe mit der Einrichtung geben. Das ist natürlich ein Trugschluss, denn sehende Menschen betreten den Raum und fühlen sich wohl oder eher nicht – und die abgetakelte, holzvertäfelte 50er-Jahre-Kaschemme ist nun kein Ort, an dem man sich auf ein schönes Essen einstellt. Die Gäste werden, noch mit Kerzenlicht, in den Speiseraum geführt. Der Mann und ich haben den Tisch in der äußersten, hinterletzten Ecke, deshalb entschließe ich mich spontan, direkt noch einmal die Toilette aufzusuchen. Später müsste man nach einem der Kellner rufen, die einen dann durchs Stockfinstere zur Toilette geleiten. Ich finde den Speiseraum sehr gruselig. Er erinnert mich an Graf Dracula, an einen Sarg, während des Essens habe ich ständig Szenen aus dem Film im Kopf, in dem Johnny Depp als jahrhundertelang spukender Vampir zu seiner Familiendynastie im Heute zurückkehrt. Ein karger, liebloser Raum, mit dunklem Holz verkleidet, die Decken mit Segeltüchern abgehangen, Holzpfeiler wie auf einem alten Schiff, die Möbel im Sperrholz-Stil (hölzerne Hochzeit!) und auf den Tischen: Papiertischtücher, solche, die man bei Sommer- und Grillfesten auf Meterrollen kauft und über Biertischgarnituren spannt. Natürlich werden die später aussehen wie Sau, aber das tun sie in Lokalen, in denen man beim Essen sieht, ja auch oft – Stofftischdecken dürften also auch in diesem Restaurant eigentlich drin sein. Die ungefähr sechzig Menschen im Raum werden sehr eng an die Tische gepfercht, wenig Platz, alle mehr oder weniger eingeklemmt, das trägt nicht zu meiner Entspannung bei. Wir harren der Dinge. Es ist laut im nun stockdunklen Speisesaal, es macht keinen Unterschied, ob man die Augen offen oder geschlossen hat. Der Gesprächspegel der Gäste erinnert ans Gaffels am Kölner Hauptbahnhof, dort dürfte es an ihrem Alkoholkonsum, hier eher an ihrer Unsicherheit liegen. Mein Rotwein wird in einer kleinen Flasche mit Glas serviert. Ich entscheide mich dafür, das Glas einfach gleich links liegen zu lassen und den Wein aus der Flasche zu trinken (sieht ja keiner, eh wurscht). Beim Essen gibt es viel Tasten, Wurschteln, Fummeln, Riechen, verunsichertes Anknabbern und dann doch Liegenlassen. Die matschigen, irgendwie knorpeligen Klöße auf meinem Teller kann ich nicht als die angekündigten Falafel dechiffrieren und fürchte eine Verwechslung. Der Mann weiß auch nicht so recht, auf was er da herumkaut. Wir tauschen die Teller, logistisches Großunterfangen, aber es klappt. Ich taste. Ahhhh! Das hat doch die Form und Konsistenz eines Falafelbällchens! Erleichtert beiße ich zu. Leider handelt es sich um eine Frikadelle, denn der Mann hat natürlich ein Fleischessen bestellt. Zurücktauschen wollen wir dann aber auch nicht mehr, zumal der Gatte auf meinem getauschten Teller auch keine Falafel findet. Ich ertaste ein halbes Ei, super, das kann ich essen, und Früchte, die ich für Trauben halte, die aber Tomaten sind. Auf seinen Geschmackssinn kann man sich überhaupt nicht verlassen. Zum Glück braucht man den nicht zum Autofahren oder Flugzeugsteuern. Wir mantschen uns durch die vier Gänge, rätseln immer wieder mit unseren beiden Tischnachbarn über das, was man da gerade auf dem Teller vorfinden könnte, lassen viel liegen und ich süffele mein Weinfläschchen leer, das mir nicht umfällt. Die beiden blinden Kellner sind routiniert, haben ein regelrechtes Kabarettprogramm einstudiert, um die Gäste im ungewohnten Dunkel bei Laune zu halten: „Was grinst du so?“, „Echt, du warst schon mal hier? Hab dich nicht gesehen!“ Nach rund zweieinhalb Stunden stehen wir wieder im Hellen, blinzeln, freuen uns, dass wir unsere Klamotten wider Erwarten nicht eingesaut haben, werden per Handschlag vom Kellner verabschiedet und werden die Unsichtbar wohl als Once-in-a-lifetime-experience abhaken.
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| Falafel der Finsternis und andere Menü-Metamorphosen gibt es beim Essenfummeln im Dunkeln. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
