Mit den Geisteswissenschaften ist das so eine Sache. Nach Neigung studiert, von Händeringen der Eltern begleitet (Wieso studiert sie nicht was Handfestes wie BWL, Medizin oder Jura!), schon während des Studiums die Gewissheit, dass man beruflich vermutlich keinen so leichten (und gut bezahlten) Einstieg haben würde wie diejenigen, die die Wunschstudiengänge der Eltern in Angriff genommen hatten und zudem Burschenschaftsmitglieder geworden sind. Als Medienwissenschaftlerin hat nach Abschluss meines Diploms niemand auf mich gewartet, schon gar nicht der deutsche Arbeitsmarkt. Ein halbes Jahr lang war ich nach Abschluss erstmal arbeitslos und erstaunt über die Gepflogenheiten bei Bewerbungsgesprächen. Während ich mich seinerzeit, im Jahre 2002, noch ständig im Bewerbungs- und späteren Berufsumfeld dafür rechtfertigen musste, Medienwissenschaften studiert zu haben (Was soll das denn sein! Was soll man denn damit anfangen!), ist das Studienfach heute immerhin hip und schick. Alle Welt studiert jetzt Medienwissenschaften. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass sich dadurch die Einstiegs- und Arbeitsbedingungen verbessert haben, ganz im Gegenteil. Auch wenn jetzt sogar der Bertelsmann Konzern ein spezielles Management-Nachwuchs-Programm für Geisteswissenschaftler aufgelegt hat, Medienwissenschaftler inklusive, das „Creative Management Program“.
(Den folgenden Abschnitt versuche ich mal so zu übersetzen, wie die brand eins das neuerdings mit Pressemitteilungen von Konzernen macht, die ein Redakteur in „Leichte Sprache“ überträgt.)
Personalchef Bertelsmann (PB):
„Für Bertelsmann zu arbeiten war noch nie so spannend wie heute.“
Übersetzung (Ü):
Keine Sau will mehr für einen Job nach Gütersloh ziehen, sofern das überhaupt jemals jemand wollte, der nicht in Rheda-Wiedenbrück aufgewachsen ist.
PB:
„Geistes- und Sozialwissenschaftler finden zahlreiche Karrieremöglichkeiten bei uns im Konzern. Durch unser neues Programm möchten wir sie jetzt noch besser auf die Übernahme klassischer Management-Positionen vorbereiten.“
Ü:
Bevor sich gar keiner mehr bewirbt, bieten wir jetzt auch Leuten, die nicht schon im Studium Anzug tragen, sondern Kapuzenpullis und Flip-Flops, also so kreativen Kifferspinnern, richtige Jobs an und nicht nur unbezahlte Praktika in der Poststelle und Telefonzentrale.
PB:
„Viele Geisteswissenschaftler sind herausragend kreativ und kommunikationsstark – wichtige Fähigkeiten für potenzielle Führungskräfte.“
Ü:
Sollen die Irgendwasmitmedienheinis doch kommen mit ihren Instagram-Ideen und in Meetings bunte Sachen auf Flipcharts und iPads malen. Die Endfünfziger-Silberrücken mobben die dann schon in den Burn-out.
PB:
„Wir sind bei Bertelsmann davon überzeugt, dass in punkto Geschlecht, Alter und Werdegang gemischte Management-Teams stets die besten Ergebnisse erzielen. Entsprechend stärken wir durch das ‚Creative Management Program‘ die Vielfalt unseres Management-Nachwuchs.“
(Hier haben es die Bertelsmänner geschafft, je Satz einen Fehler unterzubringen. Das aber nur am Rande.)
Ü:
Heutzutage reden ja alle von Diversity. Sogar in der Bundeswehr setzt man auf Frauen. Bei dieser ganzen Gendersache muss man also mitmachen, wenn man sich nicht richtig nass machen will. Jetzt starten wir halt das Programm. Das kann man vielleicht auch wieder einstellen.
| Große klebrige Vielfalt, Zuckerguss inklusive. Das dürfte auch für so manches Job-Lockmittel gelten. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.