„Wir explodieren in den stehenden Berg!“, „Wir kommen auf Achter-Jumps nach vorne in die Drei!“ – wer diese Sätze spontan versteht, macht regelmäßig Spinning. Alle anderen dürften sich fragen, warum man sich so einen Schwachsinn freiwillig anhört und dafür auch noch Geld ausgibt. Ich frage mich das auch immer wieder. Ob es so eine Art Sucht ist? „Disko für Erwachsene!“, hat Marta erst heute wieder festgestellt, als wir vier Stunden lang in einem Siegburger Live-Music-Club stramm nebeneinander hergeschwitzt haben und auf der Stelle gestrampelt sind. Heute hatte ich nach langer Zeit auch mal wieder die Disko-Ohrstöpsel drin. Ich habe nämlich langsam Angst, dass ich in spätestens acht Jahren, wenn ich weiterhin mehrmals die Woche zur Disko für Erwachsene gehen werde, der Taubheit oder zumindest Schwerhörigkeit anheimfallen werde. Vielleicht wird das aber auch die Lösung all meiner beruflichen Schwierigkeiten sein und ich sollte die Stöpsel doch besser weglassen und weiterhin meine Gehörgänge regelmäßig ordentlichster Bedröhnung aussetzen? In acht Jahren hör ich dann einfach nix mehr, dann sind meine Nerven auch nicht mehr so belastet. Immerhin ist das Auf-der-Stelle-Radeln mit bescheuert viel Widerstand bei bescheuert lauter Musik mit top-bescheuerten Ansagen („Da geht noch was! Ihr habt nicht genug Widerstand! Das seh ich doch von hier!“, blökt der Vorturner von der Bühne, „Wo seid iiiiiiiihr??? Ich will euch höööööören!!!“, „Wir sind auf einem Plateau angekommen! Jetzt vier Minuten bergab! Danach nochmal drei lange Steigungen!“) der einzige Sport, der mich nun schon über Jahre begleitet und dem ich begeistert treu geblieben bin. Es gibt eine Menge Bekloppter auf in Reih und Glied aufgereihten Rädern mit Schwungscheibe, in Mehrzweckhallen, Fitnessstudios und wo sonst noch so gemeinsam getreten, geächzt und getropft wird – einen Überblick bietet die vor einiger Zeit erstellte Radler-Typologie. Aber auch neue Freunde habe ich beim Fitnessradeln gewonnen. Am Ende versammelt sich am Spinningrad also vermutlich deutscher Durchschnitt. Allerdings der Teil-Durchschnitt mit Hang zum Angeschrienwerden – einer der Spinningtrainer im Fitnessstudio stellt regelmäßig fest: „Ihr seid hier, um euch zu quälen. Ihr seid alle Masochisten.“ Ich fürchte, er hat Recht. Auch heißt ein auf Radreisen spezialisierter Touristikanbieter aus Berlin „Quäldich-Reisen“. Was soll´s, trotz all des Lärms, trotz all des Schweißes, der es locker mit den Sturzbächen in der Achtziggrad-Finnensauna aufnehmen kann, trotz all der Irren und trotz all des Masochismus – ich werde vermutlich weiterhin mit Sitzpolster-Sporthosen, Klicki-Turnschuhen und literweise Trinkflaschen-Wasser in muffigen Mehrzweckhallen, stickigen Studioräumen und sonstwo schwitzend anzutreffen sein. 2017 soll es vielleicht auch wieder ein Spinning-Event auf einer Rheinfähre geben.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
