„Hätte, hätte! Fahrradkette“, hat Peer Steinbrück in einem Interview in seiner Zeit als Kanzlerkandidat mal patzig gesagt. Hätte er gewusst, welch komplexe Welt sich hinter einer solchen Fahrradkette verbirgt, hätte er vielleicht zu einem anderen Wort gegriffen. „Hätte, hätte! Perlenkette“ vielleicht. (Wobei die Aufzucht von Zuchtperlen mit Sicherheit auch nicht einfach ist.) Übers Wochenende bin ich jedenfalls in eine mir bis dahin völlig verschlossene Welt eingetaucht: die Welt der Begriffe und Komponenten rund um die Fahrradkette eines Rennrads. Es fing damit an, dass der gute, langjährige Freund Wolfgang, ein lebens- und radfahrerfahrener Mann, am Freitagabend bei Pizza und Rotwein nach den Rennrädern vom Mann und mir fragte und zweimal Spezifisches nachfragte und dann den Satz sagte: „Damit kommt ihr aber nicht die Alpen hoch.“ Letztes Jahr wurden Rennräder angeschafft, beim Händler des Vertrauens vor allem auf die zum 40. Geburtstag geplante Alpenüberquerung mit eben diesen Rädern hingewiesen und erste Ausfahrten unternommen. Schon in Königswinter-Uthweiler waren wir an einer langen Steigung im untersten Gang fast nicht mehr in der Lage, noch weiterzutreten. Es fehlten gewissermaßen Gänge nach unten. Und das ist Königswinter-Uthweiler und nicht ein Alpenpass. Wolfgangs Satz hat nun ein Umdenken angestoßen: Liegt nicht wie angenommen an der Übung, sondern an der Ritzelausstattung der Schaltung, die Sache mit der Steigung und den niedrigen Gängen. So habe ich das Wochenende über in den Spinningkursen, beim Fahrradhändler und sogar noch beim die Alpenreise ausrichtenden Reiseveranstalter, der zufällig auf der Bad Godesberger Radmesse am Wochenende vertreten war, emsig Informationen von Menschen zusammengetragen. Leute, die sich mit fahrradkettenspezifischen Komponenten und Sachverhalten wie Käfig, Kassette, Ritzel, Zahnzahl, Kompaktkurbel und Angaben wie „Übersetzung elffünfundzwanzich hinten“ auskennen. Leute, die zum Beispiel fünfmal hintereinander den Mont Ventoux hochfahren, Iron Man-Wettbewerbe und Mallorca-Inselumrundungen (25 km/h Durchschnitt, als Wettrennen einmal am Stück rum) mitmachen, Alpentouren mit 20.000 Höhenmetern in gut einer Woche runterradeln und sowas. Die wiederum haben bei Freunden und Bekannten nachgehört, und so konnten der Mann und ich am Sonntagabend viele fachkundige Informationen ernten, ein buntes Mosaik der Fahrradkettenausstattung erstellen und wissen jetzt, dass wir eine neue Kassette, mehr Zähne auf den Ritzeln, eventuell einen neuen Käfig und damit ein neues Schaltwerk brauchen, damit wir hinten von elffünfundzwanzich auf elfzweiunddreißig kommen – und damit dann auch ganztägige Steigungen bewältigen können. Doof ist jetzt nur, dass uns der Arnold vom Alpenreiseveranstalter auf der Messe auch gesagt hat, dass die Reise mangels Anmeldungen wahrscheinlich gar nicht stattfindet.
| Klarer Fall: Drei Ritzel vorn und damit schon ein älteres Modell. Aber auch ansonsten eher Alltagskunst als für die Alpen gedacht. Steht bzw. lehnt ja auch in Barcelona, das Rad. |
Update: Elfzweiunddreißig is nich. Viel zu teuer. Zwei Stunden habe ich im Fahrradladen verbracht und mit vier verschiedenen Männern, den zwei Mechanikern, dem Ladenbesitzer und einem weiteren Rennradkunden, über Ritzel, Steigungen, Training, Rad- und Körperausstattung diskutiert und mich auf den Kompromiss geeinigt: elfachtundzwanzig. Am Rande ergaben sich Folgediskussionen: Zwischendurch habe ich wegen der Optionen und ausgehandelten Kosten den Mann angerufen. Hinterher fragt der Ladenbesitzer: „Und, was sagt der Chef?“ – „Woher weißt du denn, wer bei uns der Chef ist?“ Betretenes Schweigen von vier erwachsenen Männern.
Noch ein Update: Die Reise wurde tatsächlich abgesagt. Der Mann und ich schnallten also kurzerhand die Räder auf den Golf und fuhren in die Provence, um dort statt in den deutschen Alpen herumzukurven. Allerdings hatten wir nur Regen und Sturm. Und fuhren unverrichteter Dinge wieder nach Hause.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.