Erwachsenenbildchen

„Malbücher für Erwachsene“ sind der Hit. Den Trend angezettelt hat Johanna Basford, eine Grafikerin, die der Fischer Taschenbuch-Verlag als „Malbuch-Königin“ bezeichnet. „Mein phan­tas­ti­scher Oze­an“ ist ihr drittes Werk, nach „Mein ver­zau­ber­ter Gar­ten“ und „Mein Zau­ber­wald“. Ursprünglich sollte die Grafikerin ein Kindermalbuch illustrieren, fand aber, ihre Schnörkel seien eher erwachsenentauglich. Ist zumindest so in der Frauenzeitschrift „emotion“ in der Rubrik „Neuland“ zu lesen.

Frau Basford erklärt: „Es hilft runterzukommen. Viele haben die Sehnsucht, in etwas völlig abzutauchen. Außerdem glaube ich, dass jeder einen kreativen Kern hat.“ Hm. Äußert sich Kreativität im Ausmalen vorgezeichneter Flächen? Liegt Kreativität nicht gerade darin, nicht in solchen Kästchen zu malen und zu denken? Vielleicht erschöpft sich Kreativität heutzutage auch darin, aus der großen, vielfarbig abschattierten Buntstiftkiste von FaberCastell die Farben zum Ausmalen auszusuchen. „War ich heute kreativ! Mein lieber Scholli! Diese Farbe habe ich vorher noch nie verwendet! Noch nie!“ (Spürt eigentlich FaberCastell den Malbuchtrend auch in seinen Absatzzahlen?) Laut „Spiegel“ wurden von Basfords Zauberschnörkeln bis Ende 2015 in 40 Län­dern mehr als 15 Mil­lio­nen Ex­em­pla­re ver­kauft, da­von mehr als 100 000 in Deutsch­land. Vielleicht sind diese Bücher und ihr Erfolg auch Ausdruck einer völlig erschöpften und überforderten Gesellschaft, die sich in die Infantilisierung flüchtet (vielmehr: der erschöpften und überforderten weiblichen Mitglieder dieser Gesellschaft – denn kann man sich vorstellen, dass folgender Verlagstext zu Basfords Ausmalvorlage Männer ansprechen soll? „Detailreichste Zeichnungen warten nur darauf, verziert, vervollständigt und mit den schönsten Farben ausgemalt zu werden. Treffen Sie auf Schwärme mit exotischen Fischen, erkunden Sie prächtige Korallenriffe und besuchen Sie neugierige Seepferdchen sowie bestens versteckte Tintenfische. Bewundern Sie die prachtvollsten Anemonen und Muscheln und gehen Sie auf Schatzsuche in malerisch bewachsenen Wracks.“)

Besuchen Sie neugierige Seepferdchen und versteckte Tintenfische. Da würde ich eher an das SeaLife Königswinter denken. Dass diese Mandalas eher Mädchensache sind, darauf deutet auch das Erlebnis einer Bekannten hin: Frisch ausgestattet mit dem angesagten Mal-Ozean und einer großen Buntstiftkiste, erzählte sie ihrem Mann, sie male jetzt ein Erwachsenenmalbuch aus. Der reagierte ganz irritiert. „Und dafür brauchst du so einen großen Farbkasten? Reichen da, äh, nicht so fleischfarbene Stifte, sowas wie Rosa?“ Möglicherweise eine noch unentdeckte Marktlücke für den Verlag! Entspannung für Männer bei Erwachsenenbildchen! Sie müssen sich dann nicht mehr mühselig und heimlich auf irgendwelchen mindestens halblegalen Bildangebotsservern im Internet herumtreiben, sondern können ganz lässig auf der Couch Pornobildchen ausmalen. „Schatz, guck mal, die Szene hier ist mir besonders gut gelungen, findest du nicht?“ – „Oh, klasse, wirklich! Aber schau mal, mein tiefdunkellilaglänzender Tintenfisch ist auch nicht zu verachten, oder?“ Herrlich. Ich freu mich schon drauf. 

Ganz unabhängig vom aktuellen Malbuchtrend zieht in Bonn ein malender Mensch um die Häuser, durch die nächtlichen Gassen, durchschreitet sämtliche Kneipen und Kaschemmen und fragt jeweils alle Anwesenden: „Alle mal malen?“ Der mittlerweile in sehr fortgeschrittenem Alter befindliche Herr macht das seit Jahrzehnten. Seine Maltechnik ist leider trotz der vielen Übung nicht besser geworden. Und so ist es immer eine Freude, Nicht-Bonner dabei zu beobachten, wie sie ganz aufgeregt einem besonderen Andenken an den Abend im Bonner Lokal entgegensehen – und hinterher ein, sagen wir: mit sicherer Erstklässlerhand gezeichnetes Bild ihrer selbst entgegennehmen. Selbstverständlich kreiert der „Alle-mal-malen-Mann“ nur gegen Vorkasse. Mag sein, dass er jetzt auf  Malbücher umsattelt: „Alle mal ausmalen?“