Der Teufel fährt Fahrrad

Luzifer radelt vorbei. Kurz darauf ist man umgeben von einer Gruppe aus Giraffen, Piraten, Gespenstern, Neandertalern und Feen. Derlei Wesen stehen ganztägig an Haltestellen, freitagmittags in der Bahn sind Hummeln und Außerirdische unterwegs. Sonntags im Café sieht man vor lauter Fühlern, Hütchen und Perücken die Kellnerin kaum. Auf einem Tisch stapeln sich Stofftentakel und Tintenfischköpfe von zwei Familien mit blauen Gesichtern, daneben sitzt eine Erdbeere. So ist es also, wenn man das Karnevalswochenende nicht wie sonst in Barcelona beispielsweise, sondern in Köln verbringt, aber nicht mitfeiert. Natürlich fällt man überall sofort auf, weil man weder geschminkt, kostümiert noch betrunken ist. Schon an den Januarwochenenden traf man im Stadtbild überall Kostümierte an, meist Gruppen von Uniformierten mit Karnevalskappe, Orden und Frack, auf dem Weg zu oder von irgendwelchen Herrensitzungen, und viele Ringelstrümpfe. Ab Weiberfastnacht kehrt sich das Verhältnis um, und das öffentliche Leben findet über einige Tage hinweg ausnahmslos kostümiert statt. Wir haben es ohne Verkleidung tagelang durch das tolle Treiben in der Stadt geschafft, wurden hier und da zwar angehalten und mussten unter Ausruf von „Kölle Alaaf“ alkoholisierte Studierende abklatschen, aber wir wurden nicht festgehalten und zwangsbeschminkt, beispielsweise. Bei Ikea habe ich am Samstag kurz überlegt, mich am Kinderschminken-Stand mit irgendwas anmalen zu lassen, einfach um nicht mehr so aufzufallen, und weil ja abends der Geisterzug (Jeisterzoch) an unserer Haustür vorbeizog und wir uns das wilde Getrommel dann doch draußen angeschaut haben. Laut ist es ja eh, da kann man sich auch an den Straßenrand stellen und sich von Gespenstern, Skeletten und anderen dunklen Wesen bespuken lassen. Praktisch für den Geisterzug am Samstagabend, dass in den letzten Jahren Halloween so populär geworden ist in Deutschland – da kann man in Köln sein Spinnennetz, die Gruselmaske und die Sense gleich zweimal einsetzen, zum Geisterzug und am 31. Oktober. Bis dahin ist es ja zum Glück noch etwas Zeit. Und in der Zwischenzeit kann man sich erholen und in Micky Beisenherz´ Stern-Kolumne über die „Alaafisten“ ein wenig daran erwärmen, dass man als Non-Karnevalist doch nicht allein ist auf der Welt.

The dark side of carnival – dieses Jahr vor unserer Tür: der Kölner Geisterzug