Meine Kollegin und ich treffen Elke. Auf dem Schiff. Elke Heidenreich stellt im Rahmen der Litcologne ihr neues Buch vor: Alles fließt. Darin geht es um den Rhein, seinen Verlauf, Geschichten an seinem Ufer, Faktisches und Persönliches und vor allem eine Schiffsreise, die die Autorin gemeinsam mit einem Fotografen den Rhein entlang unternommen hat. Passenderweise ist die Location ein Rheinschiff.
Der Abend beginnt sehr menschlich. Oder vielmehr tragisch. Im Café, das wir noch vor dem Schiff aufgesucht haben, das erst um kurz vor 21 Uhr ablegen wird, fällt ein Mann um. Die Rettungskräfte massieren sehr lange im Wechsel an seinem Herzen herum, eine halbe Stunde lang, die Kollegin und ich halten das für kein gutes Zeichen. Vielleicht hatte er ja dasselbe Programm wie wir an diesem Abend? Auf dem Schiff bleiben ein paar Plätze frei – vielleicht war einer davon ja der des Herrn, um dessen Leben so beharrlich gekämpft wurde.
Mit einem quicklebendigen anderen Mann machen wir wiederum auf dem Schiff Bekanntschaft. Wir stehen an der Theke, um uns Wein und Wasser zu kaufen. Eine rechte Anstell-Reihenfolge ist nicht erkennbar, ein paar Menschen sind lose verteilt, sitzen zum Teil auf Hockern, so dass wir einfach an der Theke stehen und uns aus der ausgelegten Liste unsere Getränke aussuchen. Die Servicekraft spricht uns an, nachdem ein Herr neben uns ein Wasser und ein Kölsch bestellt hat. Wir bestellen auch. Der Mann flippt aus, zischt „Unverschämtheit!“ und „Unmöglich!“ in unsere Richtung, blökt die Servicekraft an: „Sie können Ihre Getränke behalten! Ich möchte hier nichts mehr!“ und rumpelt davon. Schon als die Kollegin und ich uns unseren Plätzen nähern, sehen wir das Unvermeidliche: Der erboste Herr sitzt nebst Gattin auf den beiden Stühlen genau vor uns. Er dreht sich schon ganz aufgeregt schäumend um, und kaum sind wir in Hörweite, poltert er erneut los: „Leute wie SIE! Ich verstehe das nicht! Wieso machen Sie so etwas! Eine Unverschämtheit, sich so vorzudrängeln!“ Ich versuche ein paar entschuldigende, beschwichtigende Worte. Fruchtet nicht. Natürlich nicht. Er will sich ja aufregen, findet vielleicht auch rotweintrinkende mittelalte Frauen im Doppelpack Scheiße. Er regt sich also weiter auf, Kollegin und ich prosten uns zu und lassen den weiteren Sturm der Entrüstung an uns abperlen. Schließlich verdirbt er ja nicht uns, sondern nur sich selbst den Abend, was auch tragisch ist.
Es stellt sich aus dem Gezische vor uns heraus, dass die stornierte Getränkebestellung an der Theke eigentlich der Gattin galt. Und die findet das jetzt doof, wegen zweier Weiber hinter ihr auf dem Trockenen zu sitzen. Schließlich zockelt sie alleine los und kommt kurz darauf mit ihren Getränken zurück. Ich behalte den Abend über die Getränke am Boden im Blick, weil ich dem Choleriker zutraue, sie in einem Anflug von Aggressivität einfach umzuwerfen.
Das Buch habe ich direkt nach der Lesung gekauft, weil mir die Verbindung aus Fakten, Sagenhaftem und Geschichte(n) rund um den Rhein, der mir in meinen Rheinland-Jahren sehr ans Herz gewachsen ist, mit lustigen Anekdötchen aus dem Leben und der Schiffsreise Elke Heidenreichs so gut gefallen hat. Ich freue mich schon auf die Lektüre. Der Mann vor mir wird es wohl nicht gekauft haben, das Buch, weil es ihn immer an einen schlimmen Abend auf dem Rheinschiff mit unverschämten Frauen erinnern würde.
Fährt man Schiff auf dem Rhein, kann man immer viel erleben, abgesehen von der tollen Aussicht, die man hat, auch wenn man durch die vielen, vielen Schifffahrten über die Jahre schon jede Häuserfassade kennt. Vor Jahren habe ich mit einer Freundin eine Weinprobe auf dem Rheinschiff besucht. Auch ein Spektakel.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
