Brunch nach Vorschrift

Der Bergfried von Godesberg hat eine bewegte Geschichte. Einst erbaut vom Kölner Erzbischof im 13. Jahrhundert, wurde die Burganlage im 16. Jahrhundert gesprengt, im Zuge religiöser und amouröser Verwicklungen (auch damals schon ein heißes Thema; gemischtgläubige Heirat, auch noch eines Konvertiten, das konnte nicht gutgehen. Die Flucht von Bonn nach Godesberg brachte dem Paar kein Glück, der Burganlage auch nicht). Die Burgruine wurde nicht wieder aufgebaut, aber der Bergfried. Der erstrahlt heute nach mehrjähriger Renovierung in neuem Glanze, und zu seinem Fuße kann man in den alten Gemäuern im Restaurant sitzen, das sich für eines der besseren hält, und die schöne Aussicht genießen. Sonntags gibt es Brunch. Zum Brunch geht man ja, weil man alles auf einmal haben will, kalt, warm, süß, herzhaft, deshalb ist einem hinterher üblicherweise auch immer ein bisschen komisch im Magen. Nicht so auf der Godesburg, denn da herrscht Zucht und Ordnung beim Brunch. Um 11 Uhr geht es los. Ein Teilbuffet ist aufgebaut. Kalte Speisen, Brötchen, Wurst, Käse, Fisch. Gibt es auch Warmes? „Ab 12 Uhr.“ Zur angegebenen Zeit wird ein zweites Buffet befüllt, mit warmen Speisen. Gibt es auch Süßes, Desserts, einen Kuchen vielleicht? „Ab 13 Uhr.“ Immerhin werden die Zeitansagen eingehalten (das kennt man nun beispielsweise aus dem täglichen Pendlerelend von der Deutschen Bahn auch anders) – aber glücklich macht es einen trotzdem nicht. Das zwanglose Tellervollhäufen mit kunterbunten Sachen, die ineinander reinmatschen, soll der Godesburg-Gast also unterlassen, indem man ihm beim Brunch dann doch ein Menü-Korsett aufzwängt. Nun, dann eben künftig wieder wegen des Blicks auf die Burg und nicht wegen des Brunches!