Brasilia, die Stadt aus dem Nichts

Brasilia ist die Stadt, die entsteht, wenn Architekten sprichwörtlich auf dem platten Land eine Stadt entstehen lassen können. Sie unterteilen die Stadt und Lebensräume der Menschen, die dort angesiedelt werden sollen, in Sektoren. Arbeiten, Geld, Wohnen, Freizeit. Wohnen, Banken, Hotels, Handel. Die Adressen erzählen keine Geschichten, sondern sind Akronyme aus den aneinandergereihten Sektorfunktionen und Blockunterteilungen, so etwas wie SHIN oder SHIS kommt heraus und beschreibt dann die Wohnanschrift im Norden des künstlich angelegten Sees (N fur Norte) oder Süden.

So ein menschliches Leben ist aber unordentlich. Es verläuft nie nach Plan. Es ordnet sich nicht in die vorhandenen Strukturen, schon gar nicht in die blockweise wiederkehrend angeordneten Lebensfunktionsangebote (Drogerie, Restaurant, Schule), ein. So ein Menschenleben ist immer alles und immer alles gleichzeitig, und so ist Brasilia dann nicht. Weil Menschen nicht so klar strukturiert sind, wie Architekten sie gerne hätten, herrscht dann im tagsüber trubeligen, nachts aber verlassenen Geschäftsviertel nach Einbruch der Dunkelheit lebensgefährliche Kriminalität. Kunstvoll angelegte Bushaltestellen im Stadtpark sind liebevoll gekachelt und erinnern damit an die azuleijos aus Lissabon. Leider wurde der Busverkehr eingestellt. Jetzt stehen die prätentiös gekachelten Haltestellen als Werk an und für sich im Park herum und der Radweg führt an ihnen vorbei.

Die Stadt bietet eine streng logische Orientierung, wenn man sich mit der grundlegenden Sektoreneinteilung eingehend vertraut gemacht hat. Ansonsten bietet sie wenig Raum dafür sich zurechtzufinden, weil innerhalb der jeweiligen Sektoren jeder Block dem anderen gleicht wie ein Ei dem anderen. Den Kiosk an der Ecke, die vorspringende Häuserwand oder die urige Kneipe, die es nur an diesem einen Ort gibt und die dem Ortsfremden Wiedererkennungseffekte bieten, existieren so nicht. Innerhalb der Blocks kann Brasilia sehr verwirrend sein. Auch wenn Guiseppe, unser Rad-Guide und gebürtiger Brasilense, das natürlich bestreitet. Für ihn ist Brasilia die logischste und beststrukturierte Stadt der Welt.

In den späten 1950er Jahren begannen die Bauarbeiten, und innerhalb sehr weniger Jahre stand eine komplette Stadt. Das ist an sich schon verrückt, hat aber funktioniert. Und der Plan, der dahinterstand – den riesigen ländlichen Regionen Brasiliens, die stets vom Wohlstand der Küstenstädte Salvador und Rio, die beide in dieser Reihenfolge die ursprünglichen Hauptstädte Brasiliens waren, abgeschnitten waren, eine wirtschaftliche Entwicklungsperspektive zu bieten – war wohl auch erfolgreich. Gewöhnungsbedürftig ist eben das Stadtbild, das keine Altstadt kennt, kein gewachsenes Zentrum, um das herum sich die Stadt über Jahrhunderte oder Jahrtausende entwickelt hätte. Stattdessen saßen zwei führende Architekten ihrer Zeit, Costas und Niemeyer, über ihren Skizzen, haben sich ausgedacht, wie eine Kirche aussehen könnte, wie ein Nationalmuseum, wie ein Regierungsgebäude, die Ministerien, und haben diese Skizzen in der Hände unzähliger Arbeiter Wirklichkeit und Beton werden lassen. So stehen sie heute da. Und bieten dem Besucher eine Weite, die wohl keine andere Stadt hat, wie auch, dort wurde ja über Generationen immer dazwischen, darüber und daneben weitergebaut, in Brasilia nicht.

Das Ufo rechts im Bild ist das Nationalmuseum, die Krone in der Mitte die Kathedrale und ganz links der Doppeltower das Regierungsgebäude.
Vor dem Außenministerium
I love Brasilia – steht selbstbewusst in großen Lettern mitten in der Stadt.
Eine der schön gekachelten, aber ohne Bus funktionslos gewordenen Bushaltestellen mit schöner blauer Wartebank.
Das Regierungsgebäude in der Rückansicht. Viel Platz, viel Grau, an diesem Tag in der Regenzeit auch am Himmel.