Besungener Wein

Die Floskel „Wein, Weib und Gesang“ kennt man ja eher aus dem Zusammenhang des geselligen Zusammenseins. Wo Wein getrunken wird, wird auch die Musi aufgespielt und, nun ja, man kommt sich vielleicht ein wenig näher. Einen völlig neuen Bezug zwischen Wein und Gesang habe ich neulich einer Weinvorstellung entnommen.

In der Wochenendbeilage der Tageszeitung gibt es die Rubrik „Weinprobe“: Eine Expertin stellt in blumigen Worten Weine vor, die sie in irgendeinem Weinhandel der Region entdeckt hat. Diesmal einen Cabernet Sauvignon aus Chile. Vom Winzer Montes. Man liest: „Aurelio Montes ist nicht nur ein erfolgreicher wie auch sehr charmanter Winzer aus Chile (ich frage mich: War die Autorin dort? Hat sie Aurelio – wer dieses Jahr das „Dschungelcamp“ geschaut hat, kommt bei diesem Namen gleich ganz auf andere gedankliche Wege, also zurück zum Winzer, hat sie Aurelio vielleicht auf einem Messestand getroffen? Oder war er in der Weinhandlung „P&M Getränke“, aus der die Weinbesprecherin die Weinflasche besorgt hat, mit einem kleinen Infostand zu Gast?) … sehr charmanter Winzer aus Chile, er ist zudem ein großer Musik-Fan. (…) So lässt Montes beispielsweise sein Fasslager – das übrigens nach Feng-Shui-Grundsätzen (!) eingerichtet ist – mit Kirchengesängen (!!!) beschallen.“ Choräle fürs Eichenfass. Sopräne für den Sauvignon. Bässe fürs Barrique. Da bin ich platt.

Aber die Wein-Gesang-Geschichte ist noch nicht zu Ende, denn der charmante Herr Montes hat auch eine britische Universität untersuchen lassen, ob sich sein Investment diesbezüglich lohnt, dass der beschallte Wein bei entsprechend abgestimmter Hintergrundmusik besser schmeckt. „Und tatsächlich kam Professor Adrian North zu dem Schluss, dass ein Stück aus Carl Orffs Carmina Burana die Ausdruckskraft des Cabernet Sauvignon von Montes um 60 Prozent intensiver erscheinen lässt.“ Ich vermute, es ist eher umgekehrt. Wer den kräftigen Cabernet Sauvignon kippt, chilenische Weine sind ja eh sehr schwer und stark, dem erscheint wahrscheinlich alles intensiver und ausdrucksstärker. Wenn dann auch noch Bildungsbürger-Klassik im Hintergrund läuft, erst recht. Und ich bin mir am Ende des Angeber-Artikelchens sehr sicher, dass es unzählige Männer in der Region Bonn gibt, die losfahren zu „P&M Getränke“, drei Kisten des besprochenen Weins rausschleppen und es kaum erwarten können, bei der nächsten Tischrunde (und der nächsten, übernächsten, überübernächsten usw.), den Wein im Glas schwenkend und kennermäßig schlürfend, immer wieder diese Geschichte von Aurelio, seinen besungenen Barriquefässern und der Studie des bescheuerten britischen Professors zu erzählen. „Ihr fragt euch bestimmt, warum heute die Carmina Burana läuft. Also,…“

Welche Reifungsmusik wohl dieser Rotwein, offensichtlich in freier Natur am Waldrand genossen, durchlaufen hat? Vogelgezwitscher, Blättergeraschel, mystische Waldorf-Klänge?