Anfang des Jahres fielen zwei Dinge zusammen: Ich hatte gerade das brillant recherchierte und sehr unterhaltsame Buch „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve über Annette von Droste-Hülshoff gelesen und einen Kurztrip nach Bad Driburg für meine Freundin und mich gebucht. Exakt dort, wo heute das feine Hotel „Gräflicher Park Health & Balance Resort“ seine Gäste empfängt, existierte schon vor Hunderten von Jahren eine Kuranlage. Die stets kränkliche Annette weilte hier mehrfach zur Trinkkur mit ihrer Frau Großmutter, zuletzt vor 200 Jahren. Mir gefiel es so gut, dass ich über Ostern gleich nochmal hingefahren bin, diesmal mit dem Mann.
Heute gibt es als Bestandteil der Hotelanlage, die sich, eingebettet in einen großen Park, auf mehrere Gebäude des herrschaftlichen Familiensitzes erstreckt, zur Erinnerung an die erst posthum erfolgreiche Dichterin das Hülshoff-Haus. In diesem habe ich leider noch nicht übernachtet, dafür im Hölderlin-Haus. Der war auch da. Die Familie, der das Anwesen noch heute gehört, ist immer noch dieselbe wie schon zu Annettes Zeiten, in aktuell siebter Generation. Am Ostersamstag tafelte die gräfliche Familie ein paar Tische weiter vom Manne und mir. Weit weniger exaltiert und aufgeregt als so manch andere Familienkonstellation, in der Vermögen und Wohlstand noch nicht so viel Zeit hatten, um ein dezentes, zurückgenommenes Verhältnis zum selbstverständlichen Reichtum auszubilden. Am Nebentisch zum Beispiel, wo der unüberhörbar laut geführten Tischkorrespondenz zufolge eine mit Immobiliengeschäften zu Geld gekommene Familie speiste, die sich im Laufe der Gänge zunehmend zerfleischte. Ich musste an den Film „Der Vorname“ denken, den ich erst kürzlich gesehen hatte. Dinge, die man besser in den dunklen Truhen gelassen hätte, in denen sie über Jahrzehnte der Familiengeschichte geschlummert hatten, wurden grell und exaltiert ans Tageslicht gezerrt. Leider wie im Film nicht im privaten Rahmen, sondern in einem vollbesetzten Restaurant mit sichtlich um Contenance bemühtem Servicepersonal. Das ganze sprichwörtliche Theater hatte aber durchaus Unterhaltungswert und zog alle umliegenden Tische in seinen Bann.
An den Hotelpark schließt sich ein Waldgebiet an, und dort stieß ich beim ersten Besuch auf Hinweisschilder zum „Annette-von-Droste-Hülshoff-Weg, 46 km“. Aktuell versuche ich mit Unterstützung eines freundlichen Herrn vom ortsansässigen Eggegebirgsverein e. V., der den Wanderweg ins Leben gerufen hat, die genaue Route für eine Zwei-Tages-Tour mit Übernachtung auszubaldowern. Denn auch beim zweiten Besuch konnte ich außer einer bemoosten Tafel mit einem recht grob gehaltenen Verlauf nicht viel zum Annette-Gedächtnis-Weg ausfindig machen. Es gibt weder ein Buch noch eine Tourenbeschreibung für den kompletten Weg, und auf Annettes Spuren möchte ich schließlich gut vorbereitet wandeln. Wenn ich Glück habe, findet der freundliche Herr vom Eggegebirgsverein e. V. noch einen alten Flyer, an den er sich erinnern konnte. Oder ich muss bei dieser Tour dann alles anders machen als bislang und am Startort Marienmünster einfach loslaufen und hoffen, dass die Beschilderung durchgängig auf den 46 Kilometern funktioniert und unterwegs, gerade dann, wenn die Füße nicht mehr tragen, ein kurzfristig belegbares Bettchen für mich steht.
Außer Annettes gibt es sehr viele andere schöne Rund- und Fernwanderwege in der Gegend, den Hermannshöhenweg, den Eggeweg, man geht stundenlang durch geradezu magische, märchenhafte Wälder in blaudunstigem Licht und kreuzt Klangvolles wie das Silberbachtal. Trubelig ist es nur an den Hotspots wie den Externsteinen, nur wenige Kilometer entfernt herrscht idyllische Einsamkeit. Karen Duve hat in ihre Annette-Erzählung die Gebrüder Grimm mit hineinverwoben, und wenn man so durch die ostwestfälischen Wälder pilgert, erscheint es geradezu schlüssig, dass hier Fabeln, Sagen und Legenden zum mystischen Wald entstanden, die die Gebrüder Grimm dann eingesammelt und aufgeschrieben haben.
Ansonsten birgt der Wald auch sehr Heutiges: Als der Mann und ich am Ostersonntag nach dem opulenten Frühstücksbüffet mit vollem Magen und vom Vortag schweren Beinen unsere ersten paar Hundert Meter aufwärts im Wald absolviert hatten und schon einigen Joggern und Walkern begegnet waren, stießen wir zu unserer großen Überraschung auf ein afrikanisches Paar auf einer Wanderbank inmitten von Schlafsäcken und Planen. Ich bin in diesem Moment so überrascht und perplex, dass mir, außer freundlich zu nicken, nichts einfällt. Erst viel später kommt mir in den Sinn, dass Nüsse, Apfelschorle und sonstiger Proviant aus dem Tagesrucksack und vielleicht ein Geldschein den beiden wohl durchaus hätten eine Hilfe sein können. Weil mir das nicht spontan eingefallen ist, habe ich für den Rest des Tages ein schlechtes Gewissen. Wo kamen die beiden her? Wieso leben sie im Wald? Wie lange schon? Wie lange noch? Immerhin sind um die Ecke der schnieke Grafenpalast und diverse Rehakliniken, da bleibt man nicht lange unentdeckt.
Ihre letzten Lebensjahre hat Annette von Droste-Hülshoff am Bodensee verbracht, in Meersburg, wohin ihre Schwester verheiratet wurde. Bestimmt auch ein schöner Ort. Wenn ich die Hermannshöhen weiter erkundet haben werde, kann ich mich vielleicht anschließend dort, im Süddeutschen, auf ihre Spuren begeben. Einen Annette-von-Droste-Hülshoff-Wanderweg gibt es auch bei Meersburg.
| Im „Gräflichen Park“ |
| Ist es nicht schön? Gehörte ich zur gräflichen Familie, würde ich so wohnen. Habe ich in der aktuellen Reinkarnation leider nicht geschafft. |
| Immerhin kann man sich als Gast auf dem Anwesen aufhalten und sich im Kurpark an Geländer stellen. |
| Frau mit Hut vor Externsteinen |
| Diesen Weg werde ich beim nächsten Besuch erwandern. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.