Wohin an Silvester? Diese Frage bewegt die gesamte westliche Welt, nachdem die Weihnachtsvöllerei abgeschlossen ist. Oft fällt die Wahl auf die nächste Völlerei in Form von Raclette-Zusammenkünften oder pompösen Silvester-Menüs. Am liebsten würde ich Silvester stets galant übergehen, 2017 habe ich das umgesetzt und mich um 22.30 Uhr schlafen gelegt. 2016 war ein Riesen-Reinfall in Rotterdam. 2018 war ich wieder draußen, mit dem Mann fein essen. Das war so langweilig, dass wir uns ebenfalls hingelegt haben, im mitgebuchten Hotelzimmer, und zum Feuerwerk um 12 nochmal aus den Laken gekrochen sind.
Schlotternd reihe ich mich um fünf vor zwölf in die lange Schlange ein, die sich vor dem Champagner-Ausschank gebildet hat. Ist natürlich fürs Kälteempfinden ein Nachteil, wenn man aus dem mummeligen Hotelzimmer und dem noch mummeligeren Bett herauskriecht, um in der Silvesternacht herumzustehen. Das Hotel hat die Champagner-Ausgabe nicht ganz so gut geplant, wie es einem Haus mit dieser Anzahl an ganzen und halben Sternen gut zu Gesicht stehen würde: Exakt ein Mensch versucht dem Ansturm Herr zu werden, was ihm natürlich nicht gelingt. Panik bricht aus. Es ist Mitternacht, vorne bollern die Raketen, wird geprostet und gewünscht, und am Schlangenende ist noch lange nichts zum Anstoßen in Sicht, geschweige denn in der Hand. Wildgewordene 60-jährige Damen rauschen mit Silvester-Stola-Gala-Kleidern dramatisch an den Wartenden vorbei und greifen sich vorne beim Ausschank irgendwas. Der Mann und ich glauben, das sind angenippte und abgestellte Gläser von Mitmenschen, die früher dran waren. „Ja dann, frohes Neues!“ beglückwünsche ich den Mann an meiner Seite, ganz auf dem Trockenen. Es ist ja auch egal, ob man um Punkt 12 oder ein paar Minuten später die Gläser klirren lässt. Die Rauschegold-Racheengel und andere Gäste sehen das anders. Noch eine halbe Stunde später sind Gesprächsfetzen wie „hätte ja auch vorbereitet werden können“, „also – ein Ding der Unmöglichkeit!“ zu hören. Grundsätzlich rege ich mich viel auf in meinem Leben, viel zu viel, über viel zu profane Dinge – auf Platz eins steht unbestritten der Job – aber über einen armen, überforderten Schampus-Praktikanten an Silvester nicht.
Der Mann und ich stehen dann doch noch mit unseren Gläschen zusammen und gucken Feuerwerksgeflitter. Auch hier kommen die ganzen und halben Sterne nicht wie erwartet zum Tragen: Ein anderer armer Mensch springt zwischen unzähligen Feuerwerksbatterien umher, um sie in einer Art Choreografie nacheinander zu entzünden. Aufgrund des sich bildenden Rauchs ist zu befürchten, dass der Baller-Mann stolpert und durch einen unglücklichen Zufall von einer dann losschießenden Batterie getötet wird. (Außer meinem Hang zum Aufregen neige ich auch dazu, mir sehr bildlich und lebhaft Szenarien auszumalen.) Es geht Gott sei Dank gut aus. Aber ein professionelles Pyrotechniker-Feuerwerk wäre für das feine, gediegene Etablissement auch nicht übertrieben gewesen.
Da ist es nun, das neue Jahr 2019. Es wird definitiv eines mit überdurchschnittlich viel Live-Musik: Von den Fantastischen Vier über Metallica bis Rammstein stehen schön übers Jahr verteilt Konzerte an. Gemäß einer der Postkarten, die meine Bürotür zieren: „Man braucht immer etwas, auf das man sich freuen kann“. Das nächste Silvester wird nicht dazugehören.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.