Versperrte Wege

Freitagabend. Feierabend. Wochenende. Beim Aufschließen der Wohnungstür macht es erst krack-krack und dann dreht der Schlüssel im Schloss hohl. Die Tür bleibt zu. Der telefonisch kontaktierte Hausmeister sagt: „Schlüsseldienst rufen.“ Bis der kommt, und das dauert, weil es Freitagabend ist, setzt sich das ausgeschlossene Feierabend-Ehepaar zusammen ins kalte Auto. Zum Glück war der Mann auf dem Rückweg von der Arbeit noch im Getränkemarkt: Wir machen uns eine Flasche Sekt auf. Ist ein bisschen wie Silvester, man trinkt die Plörre direkt aus der Pulle und freut sich auf bessere Zeiten. Der Schlüsseldienst-Spezi haut nach Ankunft als Erstes mit einem Spezialwerkzeug den Türspion raus und werkelt als Nächstes mit einem weiteren Spezialwerkzeug über die so entstandene Öffnung in der Tür an der innenliegenden Türklinke herum. Mir leuchtet spontan ein, dass es auch aus diesem Grund diese Türspione gibt. Damit die Schlüsseldienst-Jungs nicht direkt die ganze Tür kaputtmachen müssen. Der erstaunlicherweise auf einem Auge blinde professionelle Türöffner hantiert geschickt herum, die Tür geht auf. „Ham Se Glück!“, sagt er, „das Schloss hat noch aufgeschlossen, bevor es kaputtgegangen ist.“ Er tauscht das Wohnungstürschloss aus und schreibt seine Rechnung. Abendzuschlag, Wochenendzuschlag, Anfahrtspauschale, Phantasiezuschlag, Firlefanzpauschale – „Ham Se Glück! Keine vierhundert Euro!“. Stimmt, nur 399,84. Um diese Rechnung wird es mit dem Vermieter Diskussionen geben. So viel Geld, Frau Harmuth! (Stimmt! Weiß ich, hab es ja bezahlt!) Hätte man nicht noch einen weiteren Hausmeister, einen mit Universalschlüssel, kontaktieren müssen, bevor man den Schlüsseldienst ruft? (Was soll ein Universalschlüssel ausrichten, wenn das Schloss kaputt ist und ausgetauscht werden muss? Woher soll ich eine Telefonnummernschlangenkette von der Hausmeister-Armada haben und wissen, welcher von ihnen gerade wo Universalschlüsseldienst hat?) Ja schon, aber aus Prinzip! Zudem ist es Ihre Pflicht als Mieter, das Wohnungstürschloss zu warten! (??????!!!!!! Ich gehe einfach davon aus, dass das Schloss für eine Wohnung konzipiert ist und nicht für ein Büro. Als solches wurde die Wohnung aber jahrelang von Dutzenden Menschen genutzt, bevor wir eingezogen sind). Zwischenzeitlich wurden die kleinen Schlüsseldienst-Kleberchen von der Haustür abgeknibbelt. Es gibt jetzt einen Schlüsseldienst-Rahmenvertragspartner. Der Mann und ich spielen gedanklich unser Szenario mit dem neuen Schlüsseldienst durch. Freitagabend, Schloss kaputt. Man riefe beim Rahmenvertragspartner an. „Vielen Dank für Ihren Anruf. Sie rufen außerhalb unserer Öffnungszeiten an. Diese sind montags bis freitags von 9 bis 13 sowie dienstags und donnerstags zusätzlich von 14 bis 17 Uhr.“ Man riefe beim sonstwie recherchierten (oder zwischenzeitlich findig wieder die Haustür als Werbefläche nutzenden) anderen Schlüsseldienst an. Der käme, stellte 399,84 Euro in Rechnung. Die man dann aber nicht mehr erstattet bekäme, weil man ja nicht den Rahmenvertragspartner beauftragt hätte.

 

Der Einstieg zum „Heilbronner Weg“ durchs „Heilbronner Thörle“ war seinerzeit einfacher, als jetzt in die eigene Wohnung zu gelangen.