Ich hätte es wissen müssen. Zu einfach habe ich mir das alles wieder vorgestellt. Nach Erhalt der Strom-Jahresabrechnung kündigen, neuer Betreiber her, herzlich willkommen neuer Kunde, fertig. Stattdessen automatisierte Computervorhöllenschreiben, automatisierte Computervorhöllenhotlines („Sagen Sie eins für…, zwei für…, ich habe Sie… nicht … verstanden! Sagen Sie eins für…, zwei für…“), Korrespondenz bis zum Abwinken und das Ganze über läppische vier Wochen hinweg. Beim Umzug letztes Jahr hatte ich einfach keinen Nerv mehr, mich auch noch um den Stromanbieterwechsel zu kümmern. Das hat sich jetzt, in Form einer saftigen Jahresabrechnung, gerächt. Der Stromanbieter findet es auch überhaupt nicht gut, schließlich ist er der Platzhirsch mit Stadion und allem Schnipp und Schnapp hier in Köln, wenn Kunden meinen, sie könnten einfach den Strom von woandersher beziehen. Das ganze Monopolisten-Trick-Register wird gezogen. Dem neuen Anbieter wird so lange sein Antrag auf Übernahme der Leitung abgelehnt, bis der aufs i-Tüpfelchen und den Schrägstrich und den Binnenmajuskel und auch sonst alles exakt seine Anfrage so schickt, wie das der Monopolist in seiner Datenbank verzeichnet hat. Nun weiß aber nur der Monopolist, mit welchen Zeilenumbrüchen, Schrägstrichen und Tippfehlern er seine Kundendaten in der Datenbank hinterlegt hat. So kann man das Spiel mit der Ablehnung lustig spielen. Es klappt schließlich mit der Kundennummer, der neue Anbieter kommt mit meiner Kundennummer um die Ecke, da fällt dem Monopolisten dann keine Ausrede mehr ein. Ich werde vom Monopolisten mit Halloween-artigen Schreckbriefen bedacht, gewollt missverständlich, die eine stimmungsvolle Mischung aus Wohnungszwangsräumung und totaler Verwahrlosung zeichnen. Ich werfe tapfer alles ins Altpapier. Nur wenige Wochen vergehen, nur zweimal muss ich die Hausmeister zum Stromablesen belästigen (im bewohnten Hochsicherheitstrakt kommt man nicht einfach so an die Stromzähler dran! Am Ende zapft man beim Nachbarn, dreht am Rädchen, verursacht einen landkreisweiten Stromausfall oder stellt sonstwas an), bis ich endlich neuer Kunde beim gewählten, günstigeren Stromversorger aus der Nachbargemeinde sein darf. Wie machen das eigentlich die Syrer? Wie kommen die mit diesem Bürokratiestaat zurecht, in dem selbst am freien Markt konkurrierende Unternehmen harmlose Nullachtfuffzehneinwohner in ihr Formularchaos verwickeln? Als Eingeborene schaffe ich es kaum, in Köln den Energieversorger zu wechseln, wie schaffen es Zugezogene mit dem Amtsschimmel in, sagen wir, der Eifel? Kürzlich habe ich gelesen, dass Ämter bisweilen angemeldete, angekündigte und mit allen Datenschikanen für den Termin hinterlegte Begleitpersonen von Flüchtlingen für Amtsgänge kurzfristig nicht zulassen, stattdessen drei Stunden lang in irgendwelche Räume sperren und das Gespräch lieber mit dem Flüchtling alleine führen. Einfach weil sie´s können. So wie der Monopolist mit seinem Kundendaten-Bingo. Als Willkommensbeitrag für den neuen Energielieferanten, zum geglückten Wechsel, mach ich jetzt ein Lichterfest in der Wohnung, drehe alles hoch, schalte alles an, lass alles wummen, brummen und laufen und brate mir nen Storch. Mindestens.
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| Notizen, Briefe, Durcheinander: Datenchaos geht auch analog. Zum Beispiel wenn man auf die total abgefahrene Idee kommt, den Stromanbieter zu wechseln. |
PS: Mit den Stromern hab ich´s nicht so. Letztes Jahr hat ein anderer Energieversorger meine Existenz mit der einer gleichnamigen Kundin vermischt.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
