Freitagabend. Ich sitze mit Jenny in Köln im Mercato de Luxe, einem italienischen Restaurant, in dem ich mir immer vornehme, diesmal was anderes zu essen und dann doch wieder nur die Antipasti-Platte leerschaufele. So kurz nach dem Südtirol-Urlaub hätten sich zum Beispiel die original Schlutzkrapfen angeboten. Nix war´s. Als wir das Feld räumen, traue ich meinen Augen kaum – am letzten Tisch vor dem Ausgang sitzen die Ewig-und-drei-Tage-Freunde Claudi und Tobi. Also zieht Jenny alleine von dannen und ich entscheide, mich dazuzugesellen und nach einem weiteren Glas Wein mit der Bahn eine Stunde später zu fahren. Wie meistens bei solchen Gelegenheiten vergesse ich dann aber, auf die Uhr zu schauen, und um 22.40 Uhr am Tisch sitzend ist es dann schon reichlich knapp für eine Bahn, die nur noch stündlich um .56 am Hauptbahnhof abfährt. Nun, wer nicht wagt, der nicht gewinnt, ich stürme los zum S-Bahnhof. Die S-Bahn fährt mir vor der Nase weg. Nächste um .58. Doof. Also, Planänderung, zu Fuß (eher im Stechschritt) zum Hauptbahnhof in der Hoffnung, die Bahn ins heimische Bad Godesberg noch zu erwischen. Ich bin selbst ganz überrascht, dass ich es tatsächlich schaffe und exakt um 22.55 (verschwitzt zwar, der Nachteil, wenn man Sport treibt: Der Körper denkt sehr schnell, aha, Sport!, und schaltet in den Schwitzmodus) – am Bahnsteig stehe. Mit nassen Schläfen spreche ich Umstehende an, ob sie denn auch die Mittelrheinbahn um 22.56 vermissen würden? Denn die ist weder angeschrieben noch steht sie irgendwo herum noch gibt es eine Ansage noch fährt sie ein. Nicht eingefahren, nicht ausgefahren, nicht da, einfach verschwunden, eine Geisterbahn. Schnell macht sich am Bahnsteig das übliche Bahn-Bashing breit. „Gibt´s doch nicht!“, „Sauerei!“, „Früher konnte man wenigstens noch Bahnsteigpersonal fragen!“ (ich glaube grundsätzlich ja, aber auch nicht zwingend abends um 11), „Unverschämtheit!“. Ich überlege kurz, ob ich das Risiko eingehen soll, weiter zu warten und womöglich nur tief in der Nacht mit der ganz furchtbaren Straßenbahn nach Hause zu kommen, denn wer weiß schon, ob die Bahn um 23.56 fährt, wenn die um 22.56 einfach verschwindet? Ich erspähe ein paar Gleise weiter eine Bahn nach „Linz (Rheinl)“ und sitze Augenblicke später drin. Die bringt mich immerhin nach Bonn, wenn auch auf die falsche Rheinseite, und es wird sich herausstellen, dass ich von dort nur sehr schwerlich nach Hause kommen werde, weil ausgerechnet an diesem Freitag der Riesenrummel „Pützchens Markt“ eröffnet wurde und alle Taxis des gesamten Einzugsgebiets bindet. Ach, zum Glück ist man immer furchtbar flexibel, auch freitagabends, wenn alles anders kommt.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.