Das Siebengebirge hat geöffnet. Nicht nur die Wanderwege, auch die eine oder andere bekannte Einkehr am Wegesrand verzichten auf rot-weißes Flatterband und sind begehbar. Herrlich, nach Wochen des warmen Wassers aus der Trinkflasche oder der im Rucksack lau gewordenen Apfelsaftschorle am Ende der Siebengebirgs-Tour eine kalte Rhababerschorle vor dem Löwenburger Hof zu kippen. Im Stehen zwar, aber hey! Es gibt sie immerhin, und wir sind auch nicht die einzigen Gäste.
Zu Beginn der großen Siebengebirgs-Quer-Be-und-Überschreitung, die Wanderung führte den Mann und mich auf 26 Kilometern Strecke und fast 1000 Höhenmetern (wir haben sie leider nicht geknackt, 997 waren es ganz genau) sprichwörtlich über alle dortigen Berge, bin ich noch missmutig. Viele Autos auf dem Parkplatz Margarethenhöhe, das verspricht viel Stress und Ärger mit Entgegenkommenden, die in Büsche und Böschungen springen, weil sie uns und/oder das Virus fürchten. So war es im Bergischen Land, zu nervig, weshalb wir zuletzt auf einsamen Westerwald-Touren unterwegs waren und in jedem Sinne unsere Ruhe hatten. Aber hier im Siebengebirge ist alles rheinländisch, also locker-entspannt, gleich der erste Siebengebirgs-„Gipfel“, der Ölberg, ist gut besucht und es gibt Getränke zum Mitnehmen. So wird das den ganzen Tag über bleiben, bis auf die Hotspots Petersberg und Drachenfels, da gibt es keine Bewirtung, sondern das oben erwähnte rot-weiße Flatterband und verschlossene Türen.
Zum guten Schluss unserer Tour, nach ungezählten Aussichtspunkten, gut besuchten Einkehren und entspannten Entgegenkommern, belohnen wir uns mit einem Kaltgetränk. Der Mann fiebert schon seit Kilometern seinem Weizen entgegen, „das erste Einkehrweizen überhaupt in diesem Jahr!“ Es wird im Einwegplastikbecher serviert, im Stehen getrunken, in gebührendem Abstand von der Ausgabestelle. Das mit den 50 Metern Abstand von der jeweiligen Gastro-Zentrale ist auch so eine Sache, die meisten Menschen scheinen zu zählen: eins, zwei, drei, fünfzig! Aber Hauptsache irgendein Abstand, der gute Wille ist jedenfalls immer erkennbar, wenn Waffeln, Currywürste und/oder Einwegkaffeebecher über Treppen und um Ecken herum jongliert werden.
Ist es vorstellbar, noch in diesem im April schon gelaufenen Jahr 2020, das muss diesem Biest erstmal ein anderes Jahr nachmachen, wieder in einem prall gefüllten Biergarten Schulter an Schulter mit Menschen zu sitzen, die nicht aus dem eigenen Hausstand stammen, sich beim Sprechen und Lachen mit feinsten Tröpfchen gegenseitig anzuspucken, nicht aufgefangen durch eine dieser Leo- oder Blümchenstoffmasken, die gelangweilte Frauen mit Nähmaschine jetzt dutzendfach zu Hause produzieren und in einer Art Rewe-Germany´s-Next-Topmaske-Contest ihren Nachbarinnen präsentieren? Oder halten die Virologen die Republik weiter fest in ihrem Griff und sowas ist, dann aber auch erst 2022, volleingewickelt in Plastikganzkörperfolie, möglich? Wir werden es sehen. Ich hoffe nur inständig, die Wanderwege bleiben offen, was immer sonst geschieht.
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| Schallenberg: Der steile Aufstieg wird mit einem echten Gipfelkreuz belohnt |
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| Die leere Petersberg-Terrasse mit gestutzten Bäumen und gesperrtem Zugang |
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| Auf dem Weg zum Drachenfels |
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| Blick zurück zum Drachenfelsen vom Schallenberg |
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| Der Aussichtspunkt „Drei-Seen-Blick“ vom Lohrberg |
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| Alles to go und mit Abstand, aber wenigstens gefühlt einkehren im Löwenburger Hof |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.