Tiroler Gschichtn

„Zum Drüberstreun“, sagte der Musikant auf der Hotelterrasse im Zillertal immer, wenn er zwischen seinen gemeinsam mit dem Sohn bestrittenen Harfen-Harmonika-Einlagen ein paar Tiroler Anekdötchen zum Besten gab. Zum Drüberstreun also ein paar Geschichten aus dem Urlaub in Tirol, worüber auch immer: über das Eis, die Badelatschen, die Luftmatratze, den Sangria-Eimer – oder was auch immer man bei den Temperaturen gerade so um und unter sich hat.

Zum ersten Mal seit Jahren konnten der Mann und ich nicht zusammen auf Berge steigen. Ein herber Einschnitt nicht nur in diverse Knie-Areale des Mannes, sondern auch in unseren Alltag und eben den Urlaub. Talwandern und Fahrradfahren hatten die Orthopäden für die Urlaubsplanung freigegeben, so hat die tapfere Ehefrau unter Tränen den eigentlich geplanten Bergwanderurlaub im slowenischen Triglav-Nationalpark zugunsten von E-Mountainbikefahren im Zillertal und Talwandern am Achensee storniert.

Das Gute vorweg: Der Urlaub war schön. Berge sind auch von unten oder der Seilbahn aus begeisternd, nicht nur, wenn man sie mit Wanderstiefeln bezwingt. Aber die Harmuth war halt nicht so ganz mit dem Herzen bei der Sache wie sonst. E-Mountainbikefahren macht zwar viel Spaß und hat mir immerhin geholfen, mein Rennrad-Trauma (eine mehrteilige Serie von Misserfolgen, gekrönt von einem völlig verhauenen Sporturlaub Anfang des Jahres in Norditalien) zu überwinden, aber das stundenlange Schnaufen und Stapfen in Zweisamkeit und stiller Übereinkunft auf gottverlassenen Bergpfaden, gekrönt von geteiltem Gipfelglück, das hat mir sehr gefehlt.

Immerhin habe ich an einem Tag eine kleine Bergrunde in Angriff genommen, während der Mann sich von Alm A zu Alm B bewegte und ich ihn dort zwischen zwei Gipfeln jeweils auf ein Getränk traf. Gottverlassen war da natürlich gar nichts, sondern Krethi und Plethi auf den Pfaden unterwegs, aber sonst hätte ich mich auch nicht alleine auf den Weg gemacht. Ausrutschen und an einer Latschenkieferwurzel über dem Abgrund hängen ist sehr doof, wenn man weiß, dass für die nächsten drei Wochen wahrscheinlich außer einem Steinbock keiner vorbeikommen wird. Dafür musste ich eben meine Ungeduld hegen und meinen Groll auf dickbäuchige Rentner, die sich mit Getöse und gefühlt vier Meter langen Wanderstöcken einen Steilhang herunterkämpfen und dabei der sich heraufschiebenden Harmuth fast beide Augen ausstechen, als buddhistisches Lernkapitel fürs Leben betrachten. Bei solch kugelförmigen Menschen werde ich ohnehin unruhig, wenn sie mir auf engen, steilen, steinigen Bergwegen begegnen, weil vor meinem geistigen Auge ein solcher Rollmensch bei Abrutschen einen wie eine große Bowlingkugel ja sofort mit den Hang herunterreißt. Diesmal kam ich noch glimpflich davon und heile am Gipfel an – und auch wieder herunter. Beim Abstieg fand ich einen tapferen Mitstreiter, der mit mir gemeinsam die kürzere Nebenroute, leider unmarkiert, auffinden wollte, die ich auf der Wanderkarte entdeckt hatte. Nach vielen im Latschenkieferdschungel zugezogenen Schrammen, Hin und Her, Hoch und Runter landeten wir auf einer Felsnase und der einzig ersichtliche Weg wäre der Sprung in den Abgrund gewesen. So schlugen wir uns gemeinsam wieder zurück zum markierten Weg und ich habe für den Rest des Urlaubs vom Tal aus auf den Abschnitt unterhalb des Gipfels geglotzt und mich gefragt, wo um alles in der Welt der Abzweig da oben gewesen wäre. Fast wäre ich, nur, um das herauszufinden, noch einmal hochgegangen zur Rotspitz.

Sonst sind vom Tirol-Urlaub geblieben: die „Busen-Babsi“, eine Einkehr zwischen Fügen und Hochfügen, die der Mann und ich mit dem e-Mountainbike ansteuerten. Zur Mittagszeit, so waren außer uns eine Menge Forstarbeiter an den Tischen und riesiges Forstgerät drum herum geparkt, mit Wiener Schnitzeln vor sich, wie ich im Leben noch keine gesehen habe. Auch der Mann, der von solcherlei Fleischgenüssen ja ohnehin stärker zu beeindrucken ist als ich Gemüseheini, sprach überwältigt davon, wie „die Busen-Babsi mit sooooooolchen Fleischlappen in der Küche an der Pfanne stand!“ Die Busen-Babsi nennt sich übrigens selbst so, das steht auf den selbstgestalteten hölzernen Wegweisern als offizielle Sennerinnen- wie Wegbeschreibung drauf. MeToo juckt in Tiroler Tälern offenbar keinen, die Forstjungs trinken mittags ein paar Bier zum Gigantenschnitzel dazu, juckt auch keinen, die ganze Zeit springen zwei Mitarbeitende des örtlichen Vermessungsamtes mit diversen Gerätschaften um die beiden Busen-Babsi-Hüttenbauten herum, messen dies und das und jenes, machen Notizen, die Forstarbeiter unterhalten sich darüber, ob „der Hauser“, dem die ganzen Schuppen gehören, da beim Anbau hintenraus beschissen hat, am Ende des Vermessungsprozesses kehren die beiden Vermessungsmenschen bei der Babsi ein, juckt auch keinen. Vermutlich bestellen sie das legendäre Wiener Schnitzel. Der Mann und ich radeln weiter, vorbei an diversen Holzbären, die zum Gedenken an den erschossenen „Problembären“ Bruno, der hier wohl seinerzeit vorbeikam, er- und aufgestellt wurden. Neuere Hotels heißen „Bruno“, dem Bären zu Ehren, offenbar hat man in Tirol ein großes Herz für Bären.

Im Outdoorladen habe ich mich mit einem grantigen, knarzigen Schuhverkäufer darüber gestritten, welche Wanderschuhe ich kaufen und wieviel Geld ich dafür investieren möchte, und wurde am Ende von ihm in den Keller verbannt, das Schuh-Outlet, dort aber fündig. Der Mann versuchte im Verlauf des noch überirdischen Diskussions- und Anprobierprozesses mit dem grantigen Schuhverkäufer zu klären, dass 150 Euro nicht „billig“ wie von ihm postuliert, sondern höchstenfalls „günstig“ seien, aber auch das half nichts und wir landeten im Angebotsverlies.

Sehr lachen musste ich im Achensee-Bus nach einer langen Wanderung im Tal, 26 Kilometer hat das operierte Knie des Mannes tapfer und schwellungslos mitgemacht, als ein Senior mit Enkel in den Bus einstieg (auch hier wieder mitmenschengefährdendes Hantieren mit vier Meter langen Wanderstöcken) und dem Busfahrer sagte: „Zum Hotel Rotspitz“. Vom Busfahrer die geplättete Antwort, dass er ja auf seiner Route zwischen Tegern- und Achensee nicht jedes Hotel kennen könne – da das Hotel Rotspitz aber zufällig unser Nachbarhotel war, konnte ich dem Busfahrer die Haltestelle sagen. Der Senior wollte eine Diskussion darüber beginnen, woher ich denn jetzt wissen wolle – unterbrochen von einem „JETZT SETZEN SIE SICH HIN“ des Busfahrers. Solcherlei Klarheit wünschte ich mir oft an vielen anderen Stellen meines Lebens, am Arbeitsplatz beispielsweise. Außer Tiroler Busfahrern legt sich heute offenbar niemand mehr fest. Also, ein Hoch auf Tirol, auf das Zillertal-Duo, deren Fan der Mann jetzt ist und doch irgendwie auch auf Bergurlaube, die im Tal stattfinden.

Gemeinsam am Gipfelkreuz ging diesmal nicht auf einsamen, schroffen Gipfeln, sondern nur mit Seilbahnanfahrt.

Auch damit kommt man Berge hoch und zum Beispiel bei der Busen-Babsi vorbei.

Stillleben: Wandersfrau mit Problembär-Denkmal

Ach, auch am Achensee kann man es aushalten. Vor allem bei 35 Grad.