Sie seien die „supreme melancholists“ der 1990er Jahre gewesen, erzählte Placebo-Frontmann Brian Molko den Kölner Konzertbesuchern in der Lanxess Arena. Die sind zahlreich erschienen, um mit den Gitarrenjungs deren 20-jährigen Bandgeburtstag zu feiern. Supreme melancholists als Gattungsbegriff finde ich super. Ich bin auch ein supreme melancholist. Und was für einer.
Und auf jeden Fall auf Placebo hängengeblieben, wie ich im Verlauf des Konzerts diagnostiziere. Alles ist gleich wieder wie vor fünfzehn, zwanzig Jahren, ich bin nicht vierzig, sondern im Studium, und springe und headbange mit meinen Funkkopfhörern durch mein Mini-Apartment, auf den Ohren: Placebo. Das Leben ist noch nicht so Alltag und so festgezimmert und anstrengend und verbindlich. Die Gitarrenriffs, die Bässe, kommen angerollt und angewummert, wie auf einer großen Welle trägt mich die Musik weit weg vom Jetzt und Hier. Zwischen den Liedern ist der Aufprall im Heute dann immer sehr hart. Da bräuchte man jetzt wohl Drogen, die würden diese schlimmen Realitätseinbrüche zwischendurch vermutlich vertünchen und überbrücken. So muss ich immer warten, bis die Jungs zu den Gitarren, Show- und Lichteffekten des nächsten Titels greifen und nach Instrumentenwechsel wieder losbollern. Augen zu und weitersurfen im Placebo-Ozean.
Zwischen den Liedern habe ich auch immer ein bisschen Zeit, den Realitätsschock ein bisschen auszudehnen, indem ich den Blick nach links und rechts schweifen lasse. Auch Fans werden älter, sie altern einfach mit ihren Helden, ein Phänomen, das mir schon beim sehr mittelalt besuchten Madonna-Konzert vor einem Jahr aufgefallen ist. Der Kölner Placebo-Fan 2016 ist also mindestens so alt wie ich, zumindest in den Rängen, überwiegend männlich, oft eher stämmig, auf jeden Fall längerhaarig, gern schon leicht ins Schüttere tendierend, und wahnsinnig nett. Das merke ich, als ich mit Olli gleich zwei Sitzreihen dazu nötige, für uns aufzustehen, weil wir a) spät dran und b) zunächst im falschen Block unterwegs sind. Im Kino würde man dafür mit Nachos durchstochen, hier sagen joviale Jungs, hey, kein Thema, pass auf, da steht n Bierbecher, viel Spaß, ne!
Als wir unsere Plätze endlich gefunden haben, wird erst einmal recht lange gesessen bei den Placebos. Die müssen sich in den ersten paar Tracks irgendwie selber noch reinfinden, aber irgendwann kommt die Geburtstagsparty in Schwung und es käme keiner der mittlerweile wild herumzappelnden Zombies mehr auf die Idee, sich wieder hinzusetzen. Dabei ist es bei aller Lautstärke und rollenden Gitarrenlärmbrandungen stets bedächtig-feierlich, nicht so flippig-kreischig wie bei anderen Konzerten. Muss an der irgendwie doch traurigen Musik liegen, supreme melancholists halt. Bei „Without you I´m nothing“ wird mir sehr schwer ums Herz, weil das Lied David Bowie gewidmet wird und er in Endlosschleife auf den großen Screens zu sehen ist, in irgendeinem Jahr des Herrn, in dem er die Newcomer Placebo mit auf Tournee geschleift hat. Ach, großer David Bowie. Gefühlsdurchbraust verlassen Olli und ich nach gut zwei Stunden die Placebo-Party. Sein Highlight war das im Synthiegewummer versinkende Cover von Kate Bushs „Running up that hill“. Beseelt sagt er fünfmal hintereinander den Satz „Boah, die haben´s echt noch gespielt, die haben´s echt noch gespielt!“ Und da draußen, im herbstlichen Wind vor der Arena, sind wir dann mit glänzenden Augen wieder vierzig und fahren nach Hause, zurück in unseren Alltag.
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| Schaut aus wie Höllenfeuer. War auch höllisch gut. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
