Fast fünf Jahre bin ich mehrmals die Woche zum Spinning ins Healthcity Bad Godesberg gehetzt. Mit erheblichem Effekt auf mein Aussehen und meine Kondition. Im Laufe der Jahre haben sich Freundschaften ergeben, meine Spinning-Community fehlt mir auch ganz enorm, vor allem, wo ich jetzt umzugsbedingt meinen ersten Spinningkurs im Kölner Fitness First hinter mich gebracht habe. Der Raum ist zwar größer, die Lüftung besser (wenn auch – wegen der „empfindlichen Luftzug-Tussi“, siehe Phänomenologie weiter unten – überwiegend ausgeschaltet), es gibt mehr Räder, aber ach, weh, die Harmuth hat Eingewöhnungsschwierigkeiten. Dass der Trainer nach meinem ersten zweistündigen FiFi-Spinningeinsatz nix Besseres zu tun hatte, als ausgiebig an mir herumzukritteln, macht es da nicht einfacher! Was der hat, weiß ich eh nicht. Vielleicht einfach mal wieder ein Frauenhasser.
Über die Jahre hat sich so eine Art Phänomenologie der Menschen, die in geschlossenen Räumen auf Rädern strampeln, bis der Schweiß tropft und sich Seen unter den Rädern bilden, für mich herauskristallisiert. Die gilt studiounabhängig:
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| Typenvielfalt, so bunt wie das Leben – ob im Ententeich oder Spinningkurs. |
– Wir beginnen mit der oben bereits erwähnten empfindlichen Luftzug-Tussi. Geschminkt und gestylt und damit bei Hochleistungskonditionstraining schon von vornherein falsch. Kommt trotzdem regelmäßig und tritt so in die Pedale, wie man sonntags kurz zum Bäcker um die Ecke radelt. In der Regel sehr leicht bekleidet, knappes Top, oft Pferdeschwanz. Im Raum herrschen tropische Konditionen, es ist heiß, es ist feucht, Sauerstoff ist alle, Fenster dürfen wegen der lauten Musik und den Beschwerden aus der Nachbarschaft nicht geöffnet werden. Unabhängig davon, ob die Lüftungsmethode ein Ventilator am Boden oder an der Decke, eine Klimaanlage oder eine sonstige Kühlung ist, sagt die empfindliche Luftzug-Tussi mit piepsiger Zickenstimme: „Mach das aaaaaaus! Es ziiiiiiiieht!“ Nur wenn man eine/n hartgesottene/n Trainer/in hat, der/die in der Lage ist, 20 fast kaputtgehende Menschen gegenüber einer empfindlichen Luftzug-Tussi zu vertreten, bleibt die Lüftung trotzdem an. In den meisten Fällen sterben die 20 anderen Menschen fast.
– Die um Anerkennung strampelnde Kämpferin. Meistens blond und Ende 40, Typ: ausgezehrt bis anorektisch. Vermutlich das erste Leben in Form von Ehe, Kindern und Eigenheim schon hinter sich gebracht und im zweiten Leben noch nicht angekommen. Sitzt immer in Sichtweite des (männlichen) Trainers, sucht ständig den Blickkontakt dorthin. Macht sich völlig kaputt, will alles richtig machen und vor allem alle anderen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer, die sie mit Geringachtung straft, überbieten. Meist ist ihr Name dem Trainer bekannt und sie wird extra und persönlich zu Höchstleistungen motiviert – oder aber mit zweideutigen Sprüchen angemacht. Beides scheint ihr zu gefallen.
– Der dickliche Draufgänger. Trägt Mont-Ventoux-Finisher-Radoutfits, Tour-de-France-Ganzkörperklamotte oder mindestens ein Telekom-Trikot. Hat außer von der Fernsehcouch aus mit solchen Events mit Sicherheit noch niemals zu tun gehabt. Voll ausgestattet mit mehreren teuren Trinkflaschen, Profi-Radschuhen und auffälligen Handtüchern zieht der dickliche Draufgänger während seiner gesamten Anwesenheit im Fitnessstudio eine Show ab. Die beginnt bereits mit dem Abfüllen der Getränkeflaschen (Mineral-Mix!) nach Betreten des Studios, setzt sich über den Weg zur Umkleide und in den Kursraum fort und findet dort ihren Höhepunkt. Mit viel Gewese werden raumgreifende Lockerungsübungen vorgenommen, begleitet von schwerem Stöhnen, das professionelle Belastung ausdrücken soll. Während des Kurses gibt der dickliche Draufgänger, der in allen Altersklassen vertreten ist, Geräusche von sich, die man nicht für menschenmöglich gehalten hätte. Nach dem Kurs wird sehr stark Anschluss an Gespräche gesucht.
– Der hagere Rennradprofi (männlich wie weiblich). Hat im April schon 10.000 Radkilometer abgerissen, fährt unter Touren von 170 km erst gar nicht los und hat für die Möchtegern-Strampler, die zum Spinning gehen, ohne draußen zu fahren, nur Verachtung im Gepäck. Nutzt das Training, um Körperfettwerte oder Sprinttechniken zu verbessern, oder weil aus irgendwelchen Gründen gerade das Tourenfahren nicht möglich ist. Sitzt schon eine halbe Stunde vor Kursbeginn still in der Ecke und rast gedankliche Tourenrunden vor sich hin. Macht das auch während des Kurses, unabhängig davon, was dort an Training, Choreographie, Musik und Rhythmus stattfindet. Kommunikation nur über Kopfnicken oder spärliche Gesten. Derart hager, sehnig und durchtrainiert, dass man den hageren Rennradprofi Biologieklassen der Mittelstufe als anatomisches Modell des menschlichen Körpers mit allen Bändern und Sehnen präsentieren könnte.
– Die Kaffeekranz-Uschi. Stark vertreten in Vormittagskursen, auch in Abendstunden vereinzelt anzutreffen. Verbreitet rheinischen Frohsinn und mütterlich eingefärbte gute Laune. Ebenso wie der hagere Rennradprofi macht die Kaffeekranz-Uschi ihr eigenes Programm während der Stunde, in diesem Falle nur ein sehr wenig anstrengendes. Der Widerstand ist komplett rausgedreht, der körperliche Einsatz erinnert an eine entspannte Sonntagsradfahrt am Rhein von maximal zwei Kilometern Länge zum nächstgelegenen Café. Unerträglich wird die ansonsten nicht weiter auffällige Kaffeekranz-Uschi, wenn sie im Kurs auf Bekannte und/oder Gleichgesinnte trifft. Dann wird nämlich über die Lautstärke der Musik hinweg (!) ausgiebigst getratscht, über den letzten Vereinsausflug, den Elternsprechtag oder die unfreundliche Kassiererin beim dm.
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| Mehrstündige oder ganztägige Spinningevents sind auch immer wieder eine feine Beobachtungsfläche. Hier sind wie auch auf diesem Foto immer sehr viele Piraten- und Totenkopfoutfits vertreten. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.