Ein Märchen. Lange habe ich keinen LeseRattenReport geschrieben, aber das Buch „Das größere Wunder“ ist so märchenhaft schön, dass ich gar nicht anders kann. Der Autor Thomas Glavinic lässt seinen Protagonisten Jonas ein ganz und gar sagenhaftes Leben führen, ein Ausnahmeleben, in dem Figuren wie der reiche Großvater seines Freundes, bei dem er aufwächst und der ihn schließlich adoptiert, oder ein wunschfeengleicher japanischer Anwalt, der sämtliche, auch völlig absurde, Begehrlichkeiten von Jonas erfüllt, eine wichtige Rolle spielen.
Jonas lernen wir als Kind kennen, das gemeinsam mit dem geistig behinderten Zwillingsbruder Mike unter der alkoholkranken Mutter und deren wechselnden gewalttätigen Partnern leidet. Nach einer solchen Prügelattacke tritt im Krankenhaus Großvater Picco in Jonas´ Leben, ein ebenso kluger wie lebenskluger Mann, der seinem Enkel Werner sowie den unmittelbar nach der Krankenhausentlassung bei ihm einquartierten Zwillingsbrüdern ein Leben jenseits aller Konventionen ermöglicht. Angefangen beim Privatunterricht, der aufgrund der Aufmüpfigkeit und des Größenwahns der Jungen, denen Picco in keiner Form Einhalt gebietet, jede Menge Lehrpersonal verschleißt. Jonas liebt die Extreme, er bringt sich das ganze Buch hindurch immer wieder bewusst in Lebensgefahr, lotet Grenzen aus – das ist auch der Grund, warum auf dem Buchcover der Gipfel des Mount Everest abgebildet ist und die Handlung beständig zwischen Jonas´ chronologisch erzählter Lebensgeschichte und seiner Mount-Everest-Besteigung wechselt.
Werner kommt bei einem ihrer gemeinsamen waghalsigen Höllenfahrtskommandos zu Tode, Mike stirbt aufgrund einer Fehldosierung von Anästhetika im Krankenhaus. Der Grenzgänger und Weltreisende Jonas lebt von Piccos Vermögen, das dieser aus immer wieder angedeuteten schwersten kriminellen Machenschaften hinterlässt. Er führt davon ein einsames Jetsetterleben, sprichwörtlich, er jettet von Stadt zu Stadt, von Kontinent zu Kontinent, kreuz und quer durch die Welt, in atemberaubender Folge, wird zum Sonnenfinsternis-Jünger und pilgert von Eklipse zu Eklipse. Lässt sich für eine Million Euro ein Baumhaus in die norwegischen Wälder bauen. Unterwegs trifft er die Liebe seines Lebens, Marie. Er beeindruckt sie unter anderem mit dem Besitz diverser Wohnungen, eines Segelschiffs und einer Insel, quer über den Globus verteilt. Dennoch erinnert nichts in der Handlung und am Protagonisten an ein Bling-Bling-Leben im blinden Luxus, vielmehr eröffnet der Autor dem Leser ein Universum der Leere, der innerlichen und äußerlichen Leere eines Lebens, dem es an sich an nichts mangelt. Etwas verworren sind bisweilen Jonas´ Eskapaden und Episoden und man verliert im hektischen Umherfliegen ein bisschen den Faden – ich habe mich mehr als einmal gefragt, ob Herr Glavinic sich die Mühe gemacht hat, die vielen, vielen, oft auch Monate und Jahre dauernden, Reisen und Stationen von Jonas in einem Zeitstrahl festzuhalten und ob das alles mit dem Erzählalter so hinhaut. Andererseits schreibt der Herr Glavinic so gründlich, das kann eigentlich gar nicht anders sein.
Die Klimax des Buchs ist zweifelsohne die Mount-Everest-Besteigung, die wir kapitelweise erleben, so, wie wenn im Fernsehen immer wieder eine Live-Schaltung zum Ort des Geschehens stattfindet. Und diese Live-Schaltungen sind so spannend und glaubhaft geschrieben (kürzlich habe ich den Film „Everest“ gesehen und habe deshalb malerische Orte wie die „Leichengasse“, das Basislager, Lager eins, zwei, drei, die Kälte, den Wahnsinn, die Hirnödeme sofort vor Augen; vielleicht hat Thomas Glavinic auch so einen Semi-Dokumentarfilm gesehen? Oder er hat tatsächlich selbst so eine irre Expedition mitgemacht?), so spannend, dass ich das Buch an diesen Stellen nicht aus der Hand legen konnte.
Sprachlich ist „Das größere Wunder“ ein großes Wunder, Glavinic ein Meister der filigranen Töne, der spinnenfadenfein gesetzten Nuancen und Worte. Gelänge ihm das nicht in solcher Brillanz, fände man Jonas vermutlich überdreht und durchgeknallt – so aber ist das Buch eine schillernde Geschichte über einen stetig fallenden Helden, dem man begierig durch seine Abenteuergeschichten folgt – und der ironischerweise immer höher steigt, bis auf 8.800 Meter.
Glavinic, Thomas: Das größere Wunder. dtv. ISBN 978-3-423-14389-9
Bisher erschienene LesenRattenReports (herrje, so wenige! Da beeindrucken mich aber wenige von den Büchern, die ich immer so im Um- und Durchlauf habe. Aktuell beispielsweise „Sag nicht Ja, wenn du Nein sagen willst“ und „Frau & Rennrad“):
Der Tastenficker
Karte und Gebiet; Vielen Dank für das Leben
Die Uhr, die nicht tickt
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.