Ich trinke gerne Wein. (Immerhin bin ich in einem Weindorf, für seine Lage „Dachsberg“ bekannten württembergischen Kaff, aufgewachsen.) Das führt mich immer wieder auf Weinproben, so wie neulich in Köln, von der ich dann komfortabel nach Hause chauffiert wurde. Und ich fahre gerne mit dem Schiff auf dem Rhein herum. Da liegt es doch nahe, dass ich vor einiger Zeit sofort bei Entdecken eine Schifffahrt mit Weinprobe gebucht habe. Die haben meine Freundin und ich nun absolviert.
Wir haben eine gewisse Weinproben-Historie. So waren wir schon auf einer Weinprobe in einem Bonner Weinladen zusammen, da haben wir nach vier Stunden aufgegeben, weil wir gegen Mitternacht erst bei Wein fünf von sieben angelangt waren und der Weinladeninhaber immer noch in irgendwelchen Anekdoten zwischen Rebe und Familienerbe feststeckte, mit denen er uns seit Stunden malträtierte. Bei einer weiteren Weinprobe in einem Düsseldorfer Weinladen wurden wir regelrecht abgefüllt, das Ganze an einem dieser Mörderhitzetage des Sommers 2015, und waren am Folgetag sehr weinprobengeschädigt.
Nun war also wieder genügend Zeit der Rekonvaleszenz vergangen, um sich erneut den unkalkulierbaren Risiken einer Weinprobe zu stellen. Unerwartete Begleiterscheinungen waren diesmal: ein Alleinunterhalter (Hammond-Orgel, kölsches Liedgut) und ständig leere Gläser. Offensichtlich war der Ausschank des Weines an Rheinkilometer-Passagen gekoppelt, jedenfalls schien es nur nach einem zeitlich sehr genau festgelegten Plan die jeweils nächste Runde ins Glas zu geben. Der ausrichtende Weinhändler (ein Landsmann, also auch ein Schwabe, der viel von „Verkoschtung“ und „verkoschten“ sprach) schenkte aus, der kelternde Winzer (sehr jung) erklärte Lagen, Herstellungsweise, Rebsorten. Eine eifrig mitschreibende, interessierte ältere Dame vom Nebentisch erkundigte sich geflissentlich, was denn nun der Unterschied zwischen Kiesel, Schiefer und Erde sei (vielleicht war die Dame noch niemals draußen, auf festem Boden, sondern immer nur auf dem Rheinschiff unterwegs. Anders kann ich mir nicht erklären, wie man auf solch eine Frage kommt), an unserem Tisch klinkten sich ein geschiedener Zahnarzt und eine Telekom-Frührentnerin ins Gespräch ein. Verbindendes Thema war zunächst die mangelnde Verpflegung, nicht nur in Form ständig leerer Gläser, sondern auch des angekündigten „Abendessens“, das sich als Schnittchen mit Wurst und Käse entpuppte. Lange Gesichter.
Der geschiedene Zahnarzt war so frustriert, dass er aufgrund der aktuellen Weinprobenerfahrung und unseren Berichten über die vorangegangenen sofort den Schluss zog, meine Freundin und ich würden uns gegenseitig durch das Schenken solcher Weinproben bestrafen. Man weiß ja nicht, was das Leben noch so bringt, aber so schlimm ist es noch nicht, dass man sich überlegt, wie man der Freundin das Saufen möglichst so richtig derb versaut und ungemütlich macht. Noch dazu, weil man ja selbst jeweils dabei ist und dann schon sehr masochistisch sein müsste. Nein, ganz beschwingt versuchten wir unbeirrbar, immer wieder was ins Glas zu bekommen, teils erfolglos („Nein, von dieser Sorte haben wir jetzt drei Flaschen ausgeschenkt; da machen wir jetzt keine mehr auf!“), und hörten uns die weinkennerischen Einordnungen des geschiedenen Zahnarztes an, der sehr viel vom Moussieren und vom Abgang sprach. Ich hing meinen Gedanken nach, dass ich vielleicht doch lieber hätte Weinkönigin werden sollen oder mich zumindest hätte bewerben sollen damals, mit sechzehn, siebzehn, immerhin hatte mein Opa auch Weinberge und die jährliche Weinlese war festes Datum meiner Kindheit und Jugend, und außerdem Vinologie studieren und dann so ein alteingesessenes Weingut auf links drehen, wie das jetzt die ganzen jungen, wilden Winzer im Ahrtal, an der Mosel und im Rheingau machen… Aber solche Gedanken führen ja zu nichts. Der Alleinunterhalter riss mich mit seinen verrutschten Hammondorgeleinsätzen außerdem immer wieder unsaft zurück ins Hier und Jetzt, aufs Schiff, mit leerem Glas und Käseschnittchen vor mir. Also, ich bin schon sehr gespannt auf die nächste Weinprobe.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.