In Anlehnung an den Filmtitel „Der Tod steht ihr gut“ ließe sich über Kevin Spacey sagen: Das Arschloch steht ihm gut. In Filmen wie „American Beauty“ schuf er die Grundlage für seine manipulativ-fiesen Charaktere, die ihn später in der Serie „House of Cards“ oder in Filmen wie „Kill the Boss“ als Mega-Ober-Schurken berühmt und sehr erfolgreich (und sehr reich) gemacht haben. Momentan hat Kevin Spacey ein Sexproblem à la Harvey Weinstein und ist deshalb erstmal überall rausgeflogen. Ich denke umso mehr, was ich trotz meiner (oder der genau darin begründeten?) Faszination für Kevin Spacey schon immer dachte: Er hat in seinen Rollen sich selbst gespielt. Zudem denke ich, es trifft Spacey so hart, weil er schwul ist. Von keinem der heterosexuellen Hollywood-Hengste, die über Jahre und Jahrzehnte ihre Position ebenso scham- und grenzenlos ausnutzten, sind derzeit derart schnelle und radikale Reaktionen des professionellen Umfelds bekannt.
Sorgen muss man sich um Spacey nun nicht machen – es wird kolportiert, er habe zuletzt pro Folge „House of Cards“ fast eine halbe Million Dollar kassiert. Dennoch ist er der gefallene Star – die Emmy-Akadamie hat eine für 20. November vorgesehene Ehrung Spaceys abgeblasen, ein nahezu abgedrehter Film wird nun – ohne Spacey – aufwendig neu produziert. Die Filmindustrie straft ihn öffentlich ab. Von ihm selbst ist nicht viel zu hören, er hält sich mit Stellungnahmen zurück. Eine läppische Entschuldigung gab es, ach so, ja, sorry, tut mir Leid, kann mich nicht erinnern, und die Ankündigung, eine Therapie zu beginnen. Diese Floskel ist ja bei Filmleuten ungefähr so bedeutsam wie generell darüber zu reden, dass morgen die Sonne auch wieder aufgehen wird. Kevin ist also erstmal allein zu Haus, vermutlich, und wird bis auf Weiteres von der Bildfläche verschwinden.
Auch wenn er das Riesenarschloch ist, das ich ihm unterstelle zu sein, finde ich das schade. Wer soll jetzt bei einem möglichen dritten Teil von „Kill the Boss“ diesen selbstgefälligen, despotischen Chef spielen, der seine Kraft aus der Erniedrigung anderer zieht (ebenso wie US-Präsident Frank Underwood in „House of Cards“, der selbst noch an den Grabstein seines Vaters uriniert)? Vielleicht Donald Trump. Das fände ich irgendwie schlüssig. Der hat als reeller Präsident im letzten Jahr ohnehin den von Spacey gespielten US-Staatenlenker der Serie fast blass aussehen lassen.
Vermutlich würden Menschen, die schauspielerisch tätig sind, mich sehr beschränkt finden und behaupten, dass eine Rolle eine Rolle ist und niemals in der Persönlichkeit des Schauspielenden begründet. Ich kann mir das nicht so recht vorstellen. Ebenso wie man besser über Dinge erzählen kann, die einem selbst widerfahren sind oder mit denen man sich intensiv beschäftigt hat, kann man sich bestimmt besser in Figuren hineinversetzen, die oder deren Grundzüge man aus eigenem Erleben kennt. Was Kevin Spacey anbelangt, scheint es mir geradezu unvorstellbar, dass er als Privatmensch ein sonniger, lieber Zeitgenosse ist, der seiner Putzfrau nen Blumenstrauß hinstellt und die Katze der Nachbarn versorgt, solange die in Urlaub sind, und nach Briefkasten und Blümchen schaut. Ich stelle ihn mir eher so vor, dass die Putzfrau sich jedes Mal fragt, wie diese unmöglichen Flecken und nicht wegzuputzenden Hinterlassenschaften, die sie aber den Job kosten können, unabsichtlich entstanden sein können, und dass die Nachbarskatze nach Rückkehr der Besitzer aus dem Urlaub unter rätselhaften Umständen nicht wieder auftaucht (Katze vergiftet) und wichtige Korrespondenz nicht eingetroffen ist (Post entsorgt). Woher soll jemand, der so abgrundtief bösartige Charaktere spielt, dieses Bösartige haben, wenn nicht aus sich selbst? Ist wie beim Marquis de Sade, der sich die metzelnden Päpste, mordenden Adligen und Mensch und Welt zerstörenden Wüstlinge auch nicht hätte ausdenken können, wenn er den Wahn nicht in sich getragen und aus der Erniedrigung anderer nicht selbst (ebenfalls sexuellen, wie in der Hollywood-Hashtag MeToo-Enthüllungsserie) Genuss hätte ziehen können.
Von Kevin Spacey zum Marquis de Sade ist es ein weiter Weg, aber vielleicht auch nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick kann ich mich selbst befragen, woher in beiden Fällen meine Faszination fürs Böse kommt. Vielleicht sollte ich es machen wie Kevin Spacey – und eine Therapie ankündigen.
| Gefangener seiner Gedanken: eine Büste des Marquis de Sade vor der Ruine seines Schlosses Lacoste in der Provence. Kevin Spacey hat jetzt auch genug Zeit, dort einmal hinzufahren. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.