Anton Hofreiter trinkt Tee. Kamillentee, um genau zu sein. Abgesehen davon, dass der grüne Politiker diese oft ungläubig bestaunte Vorliebe mit mir teilt, steht das in der Sonderausgabe des Spiegel #frauenland, die ich kürzlich überraschend im Briefkasten vorfand. Als einziger Mann unter lauter Frauen wurde Anton Hofreiter zu seiner Meinung über Angela Merkel befragt. Warum? Sinnbildlich für die Quotenfrau, die es sonst schon mal gibt? Auch sonst verstehe ich das Heft nicht so ganz.
Die Frauen in der männerdominierten Machtarena Spiegel-Redaktion durften anlässlich 100 Jahren Frauenwahlrecht ein Sonderheft machen. Frauen auf dem Titel, Interviews mit Frauen sowie verschiedenste weibliche Protagonistinnen und Haltungen im Innenteil. Interessante Themen und Personen. Richtig gut hätte ich es gefunden, wenn diese Ausgabe eine reguläre Spiegel-Ausgabe gewesen wäre. Stattdessen wird das Frauenheft zwischen zwei Spiegel-Ausgaben ausgeliefert, ein hübsches Extra, so wie die Frauen selbst immernoch in den Augen mancher Herren, und drumherum können dann wie jede Woche die Magazin-Männer mit ihrer persönlichen Meinung die Welt erklären. So bekommt das Ganze eine unfreiwillige „Jaja, lasst die Mädels da mal ihr Märchen-Frauenland machen, das richtige Heft machen wir Kerle dann wieder“-Attitüde.
Vielleicht kann man es aber auch als Erfolg werten, dass Anton Hofreiter im Heft zu Wort kommt. Man stelle sich den pöbelnd polternden Joschka Fischer vor. Mit ihm oder anderen markanten Grünenpolitikern der letzten Ära wäre ein Kamillentee im Frauenland undenkbar gewesen. Mit den heutigen grünen Männern nicht mehr. Auch der Robert Habeck sieht aus, als rechnete er täglich damit, auf der Titelseite eines Lifestyle-Magazins oder Möbelkatalogs mit Zielgruppe Frauen 35plus zu landen. Vielleicht ist das auch schon geschehen und ich habe es nur nicht mitbekommen. (Gut, jetzt will das Frauenland natürlich nicht Lifestyle, sondern politisch sein.)
„Wie modern ist Deutschland?“ lautet die Leitfrage des Heftes. Schon das ist irgendwie schräg. So rückwärtsgewandt. Bei „modern“ denke ich an die Klingel- und Schöpflin-Kleiderkataloge meiner Mutter in den 1980ern. Da wurde immer vorgeführt, was jetzt „modern“ ist. Ansonsten haben wir ja sogar die Postmoderne schon lange hinter uns gelassen. Und ist es eine Modeerscheinung, etwas „Modernes“, die schon lange gesetzlich verankerte Gleichberechtigung für Frauen im Job und der privaten Umgebung einzufordern? Das klingt auch wieder wie ein hübsches Extra. Es ist aber ein Recht. Das mit jeder Gehaltszahlung an eine Frau gebrochen wird.
Ein „Frauenland“ ist Deutschland nicht. Aber auch nachwachsende Generationen arbeiten daran, dass es vielleicht doch noch eines wird: Die Initiative Pinkstinks, die mit Schülerinnen aus Hamburg schon ein Anti-Germany´s-Next-Topmodel-Video gedreht hatte („Not Heidis Girl“), hat zum Weltmädchentag nachgelegt mit „Kein Bock mehr auf mitgemeint“:
Also, wenn die Mädels älter sind, werden sie vielleicht in ihren Sondereditionen, die dann hoffentlich reguläre sind, klare Worte finden. Bis dahin halte ich es mit Anton Hofreiter und trinke Kamillentee.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.