Jobyssee (2002): A Job Odyssey

Wie kürzlich angekündigt, hier ein Schätzchen aus den Anfängen meiner Berufs- und damit Bewerbungslaufbahn. 2002, im Oktober (dreizehn Jahre her, hier ein Seufzer), habe ich mein Studium der Medienwissenschaften erfolgreich beendet. Die Erfahrungen von damals sind problemlos ins Heute übertragbar – zurück in die Zukunft oder so, nur dass man heute keine Mappen mehr durch die Gegend schickt, sondern dicke E-Mail-Dateien, und pdf-Dokumente, die IMMER zu groß und IMMER zu viele sind, in bescheuerte, dumme Online-Tools hochlädt. Man soll alles und davon möglichst viel gemacht haben in seinem Berufsleben, aber bitte nur ein einziges, 3 KB großes Arbeitszeugnis haben.

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JOBYSSEE 2002
Odyssee der Jobsuche einer Hochschulabsolventin

Freudestrahlend nahm ich die Urkunde, die mich für den Rest meines Lebens als Diplom-Medienwirtin ausweist, in Empfang. Das Leben jenseits der Universität konnte beginnen, das Leben in der Berufswelt, in die es im Berufsfeld PR den Einstieg zu finden galt. Drei Monate und 40 Bewerbungen später ist der euphorische Idealismus verflogen. Zu Anfang war die Ernüchterung nützlich, denn nach E-Mail-Absagen binnen Tagesfrist auf in hehrem Optimismus ausgefüllte Online-Bewerbungsformulare wuchs der Verdacht, dass es vielleicht doch nicht ganz so einfach sei, einen Job zu finden. Dass die schlechte Arbeitsmarktlage sich doch konkret auf meine Situation auswirkt. Im Bewusstsein, als Hochschulabsolventin mit sehr guten Noten und Praktika keine offenen Türen einzurennen, ging es zum Absolventenkongress nach Köln. Dort war erschreckend viel los. Eine geschlechtslose, schwarz uniformierte Masse drängte sich auf zwei Etagen an Unternehmensständen. Angeblich präsentierten sich die Unternehmen zur Nachwuchsrekrutierung. Tatsächlich waren die meisten aus Imagegründen vertreten. Denn außer ein paar schlecht gelaunt an Stellwände gepappten Praktikumsangeboten war nichts zu entdecken. Nächste Stufe: Mit Lebenslauf und Visitenkarten bewappnet an Stände mit Personalverantwortlichen drin herantreten. Vermintes Gebiet. „Diplom-Medienwirtin? Sie haben doch nicht sowas Sinnloses wie Theaterwissenschaften studiert?“ oder „Wir haben gerade Einstellungsstopp.“ Einstellungsstopp? Und ein Stand auf der Absolventenmesse?
Mit durch den Absolventenkongress weiter nach unten korrigierten Ansprüchen begann die nächste Bewerbungsphase: die der Suche nach Internet-Stellenangeboten, des Produzierens von Bewerbungsschreiben und –mappen und des leidigen Hinterhertelefonierens, was aus der Stelle, den Bewerbungsunterlagen oder beidem geworden ist. Telefonieren muss man sowieso oft, denn die durch Anglizismen und Gemeinplätze aufgeweichten Stellenprofile machen Nachfragen erforderlich. Die Personalverantwortlichen haben meist keine Lust, diese Fragen zu beantworten, weil das ihrer Ansicht nach schon in der Anzeige steht, und verweisen darauf, dass der für die Stelle zuständige Kollege wahlweise a) im Urlaub, b) außer Haus oder c) nicht erreichbar ist. Der Gesprächspartner selbst gibt vor, entweder die Stelle gar nicht zu kennen (schließlich ist der Kollege dafür zuständig) oder aber zum Profil nichts sagen zu können, äußert aber aus Höflichkeit die abschließende Floskel: „Schicken Sie uns doch trotzdem mal Ihre Bewerbung, kann ja nicht schaden!“ Nein, schaden kann es nicht, aber nutzen wird es wahrscheinlich auch nicht.
Bewerbungen herzustellen, ist eine frustrierende Angelegenheit. Die Mappen werden unter großer Sorgfalt zusammengestellt; man achtet darauf, alles richtig zu schreiben, das Papier nicht zu knicken und formale Kriterien einzuhalten. Personalverantwortliche müssen diese Sorgfalt nicht walten lassen. Zum Beispiel kann man auf dem Diplomzeugnis prima eine Kaffeetasse abstellen. Werden die Unterlagen zurückgeschickt, ist es nicht wichtig, den Namen des Bewerbers richtig zu schreiben; außerdem kann man die Unterlagen auch in eine fremde Mappe stecken. Man muss nicht einmal ein Standard-Absageschreiben mit in den Umschlag legen, schließlich ist das Zurücksenden der Mappe aussagekräftig genug. Überhaupt reicht es, wenn der Bewerber einen Großteil der Unterlagen zurück erhält: Das auf den Lebenslauf aufgeklebte Foto ist weg, dieser kommt mit Ausriss zurück. Stehe ich jetzt gerahmt auf irgendeinem Schreibtisch? Auch ganze Mappen verschwinden, etwa wenn ein Unternehmen während des Bewerbungsverfahrens umzieht. Vermutlich einfach weggeworfen.
Die Mappen, die einem der Postzusteller nicht mit mitleidigem Blick wieder in die Hand drückt, ziehen in seltenen Fällen die Einladung zu einem Gespräch nach sich. Bewerbungsgespräche sind meist keine gemütlichen Kennenlernrunden, sondern Grabenkämpfe. Hat man schon einige Gespräche hinter sich gebracht, kann man den messerscharfen (Verbal-)Attacken sicher souverän ausweichen, bei wenig Erfahrung erfordert die Anstrengung, sich irgendwie über Wasser zu halten, volle Konzentration. Darunter leidet die Schlagfertigkeit. Vielleicht ist das dann der Grund dafür, „dass wir Ihnen leider mitteilen müssen, dass wir uns für einen anderen Bewerber entschieden haben.“ Was wohl der andere Bewerber auf Fragen wie diese geantwortet hat: „Sind Sie eigentlich verrückt, sich auf eine Stelle in einer Agentur zu bewerben?“ oder „Was haben Sie denn schon? Ein komisches Studium, unter dem man sich nichts vorstellen kann, keine Qualifikationen, keine Erfahrung.“ Vielleicht hat der andere Bewerber gesagt: „Und was haben Sie? Eine komische Agentur, die keiner kennt, keinen Anstand und keine Manieren.“
Nach solchen Erfahrungen fällt es schwer, der Standardfloskel in Absageschreiben, wonach weder Persönlichkeit noch Qualifikation des Bewerbers in Frage gestellt seien, Glauben zu schenken. Glauben sollte man in diesen Zeiten an nichts und niemanden, außer, trotz allem, an sich selbst – und an ein Ende der Jobyssee.

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