Geburtstage machen keinen Spaß mehr. Seit die Vier Einzug in mein Leben hielt, fühle ich mich alt, so richtig Uralte-Morla-alt. Wenn man so alt ist, wie man sich fühlt, bin ich genau das: alt. Ich hoffe, das bis zur 50 überstanden zu haben und dann wieder locker Kerzen auspusten zu können (50 Stück, mein Gott, 50 Yes-Torties!). Schließlich ist Geburtstaghaben einfach zu schön, um es weiterhin ungefeiert passieren zu lassen. Und so viel Sport kann man gar nicht machen, um das Uralte-Morla-Gefühl loszuwerden.
„Dem Begriff der Midlife-Crisis liegt die Annahme zugrunde, dass (…) Menschen ihr Dasein nach einem Lebensziel ausrichten. (… Die) Chancen zur Verwirklichung des eigenen Lebensziels (werden) in der Lebensmitte häufig reflektiert, was zu Verstimmungen und Unsicherheiten auch hinsichtlich der eigenen Identität (Rolle in Familie, Beruf, Sozialleben etc.) (…) führen kann. Spezifischere Ursachen sind weder im biologischen noch im psychosozialen Bereich exakt definiert. (…)
Während sich der junge Mensch seine verbleibende Lebenszeit als das (M)ehrfache des bereits gelebten Lebens vorzustellen vermag, wird in der Lebensmitte die Vorstellung von der verbleibenden Zeit in der Relation zur bereits verlebten Zeit erheblich verkürzt. Im Rahmen dieses veränderten subjektiven Zeiterlebens werden (nicht immer bewusst) Bilanzierungen vorgenommen, die (…) sich bis hin zur Identitäts- und Sinnkrise entwickeln können“,
schreibt Wikipedia zum Stichwort Midlife-Crisis. Identitäts- und Sinnkrise wegen verlebter Zeit. Das klingt irgendwie nach verruchtem Lotterleben, dabei hatte ich das gar nicht. Hätte ich also das mega-exzessive Party-Drogen-Leben gelebt, fände ich die Vierzigerjahre jetzt noch ätzender? Für mich ging es vom schwäbischen Dorf stramm nach dem Abitur ins Studium. Immerhin war das ein erstes Lebensziel: raus aus dem Kaff, und nix wie weg, weit weg. Heute wäre das ein Ökoprojekt in Neuseeland, mindestens, damals war es Studieren in NRW. Passiere ich das Ortsschild meines von Weinbergen gesäumten Heimatdorfes, schnürt es mir immer noch die Kehle zu, obwohl ich nun schon länger außer- als innerhalb dieser württembergischen Wegmarken lebe. Es war also ein gutes erstes Lebensziel, von dort abzuhauen. Damals war ich 19, und 20 zu werden, war ein erhebendes Gefühl – endlich nicht mehr die Teenie-1 vornedran, sondern richtig erwachsen! Und das auch noch in der großen, fernen NRW-Stadt!
Beruflich hatte ich nie ein definiertes Ziel (sowas wie: Mit 45 bin ich Unternehmenschefin, Mit 58 will ich mich zur Ruhe setzen oder Mit 39 hab ich meine erste Million in der Tasche), und ich habe es immer noch nicht. Auch kein Unternehmen und keine Million. Weltumsegelungen oder Mount-Everest-Besteigungen habe ich ebenfalls nie angestrebt (aber, hey, immerhin bin ich schon auf die Zugspitze raufgelaufen!). Ich treibe durch das Job-Universum mit wechselnden Arbeitgebern und schwankenden Unzufriedenheitsgraden. Vielleicht habe ich ja eine Job-Midlife-Crisis, für die aber keine spezifischen Definitionen bei der Wikipedia umrissen sind. Die „Mitte“ meiner Jobjahre habe ich allerdings noch gar nicht erreicht. Wird das also alles noch schlimmer?
Viele Männer werden jetzt denken: Ach, die Harmuth, die kann doch gar keine Midlife-Crisis haben! Schließlich ist die überhaupt kein Kerl! Midlife-Crisis ist Männersache! Sucht man im Internet herum, geht es nämlich beim Stichwort überwiegend um Männer zwischen 40 und 50 Jahren. Auch der Duden schreibt, Midlife-Crisis sei eine
„(vor allem in Bezug auf Männer) krisenhafte Phase in der Mitte des Lebens, in der jemand sein bisheriges Leben kritisch überdenkt, gefühlsmäßig in Zweifel zieht; Krise des Übergangs vom verbrachten zum verbleibenden Leben“.
Da tritt frau in die Tiefen des Viererfrustes ein, verliert sich in Vierzigerversenkungen, und darf es wieder mal gar nicht, weil das exklusiv Männern vorbehalten ist. Vielleicht ist auch alles ganz anders und ich habe keine Midlife-, keine Jobmitteldrittel-, sondern eine Men dominating the world-Crisis. Die als Übergangs-Kombinationskrise aus allen Lebensfeldern nach ungefähr 15 Jahren durchgehecheltem Vollzeitjob bei Frauen auftritt. Was auch immer es sein mag, das mich umtreibt und verfinstert, ich sollte wieder dazu übergehen, Geburtstage zu feiern. Je früher ich damit anfange, umso weniger Kerzen muss ich immerhin auspusten.
![]() |
| Pah! Der 20. Geburtstag war ein Fest! Lange Haare, kurzer Rock, die Welt war absolut top in Ordnung. Mit Anfang 40 sind die Haare kürzer, die Röcke länger und Erdenschwere macht sich breit. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
