Glaube, Liebe, Hoffnung oder: Coaching

„Ich liebe. Ich glaube. Ich vertraue. Ich bin dankbar und mutig.“ Das ist mein neues Mantra seit heute. Es soll mein altes ablösen: „Alles wird gut.“ Gut, ja, das war auch bei Nina Ruge geklaut, stimmt. Woher ich das neue habe? Aus meinem Coaching, das mir die Arbeitsagentur finanziert.

Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, was ich mit dem neuen Mantra und überhaupt mit den Ergebnissen und Erlebnissen aus diesem Coaching anstelle. Das Mantra ist nämlich lang. Das alte konnte ich mir kurz, sprichwörtlich zwischen Tür und Angel, nochmal gedanklich vorsagen, eine Sekunde, alleswirdgutwassollschonpassierenharmuth, fertig. Beim neuen kann es passieren, sagen wir, vor einem Vorstellungsgespräch, dass ich mich nochmal kurz beruhigen will. Gedanke: „Ich lebe. Äh, liebe. Vertraue. Oder war es glaube? Ich liebe. Ich glaube (glaube ich), ich vertraue, ich…“ – „Frau Harmuth, herzlich willkommen!“ – „…bin dankbar und mutig! Habe ich das jetzt laut ausgesprochen?!“ Mit „Alles wird gut.“ kann man da nicht so durcheinanderkommen. Und ist gedanklich dann auf jeden Fall durchmantriert, bevor der Gesprächspartner vor einem auftaucht.

Ansonsten ist das mit dem Coaching auch eher, nun, spirituell. Grundsätzlich finde ich das gut für eine so arsch-abgefuckte Pragmatikcheckerin wie mich, mich auch mal auf Weicheres einzulassen. Ich habe Sorge, dass ich sonst schon in fünf Jahren so eine ganz verhärmte und verbitterte Mensch gewordene Gewitterwolke sein werde. So ein bisschen was Esoterisch-Schwurbeliges zwischendurch kann vielleicht entgegenwirken. Meine Grenzen scheinen da nur leider sehr eng gefasst, stelle ich fest, und ich muss den Coach ein bisschen verschreckt haben nach unserer ersten „Jobfit“-Sitzung. In der ging es nämlich um das Anrühren von Magnesiumöl und die Beschaffung von dazu erforderlichen Magnesiumchloridflocken, Bäder mit Natronpulver zur Entsäuerung, Ernährungsempfehlungen (gute Fette, Ei) und mein schlechtes Energiefeld in der Körpermitte, zu dessen Behebung eine Infrarotmatte sinnvoll sei. Zu Beginn der nächsten Sitzung habe ich dann deutlich gemacht, dass ich mir das nicht unter einem Bewerbungsberatungscoaching vorstelle und auch nicht anwenden werde, da ich keine Heilpraktikerbehandlung gebucht habe.

Seither kümmern wir uns deutlich stärker um meine Bewerbungen und aktuellen Anliegen, aber der Coach fragt sehr oft, ob das denn jetzt noch in Ordnung für mich sei oder schon zu energetisch, ob ich mir vorstellen könne, das umzusetzen. Das Mantra zum Beispiel. Oder das Aktivieren meiner Meridiane durch Klopfen auf verschiedene Stellen an Kopf und Händen. Ich lasse mich ein bisschen drauf ein, aber sehr schnell übernimmt die arsch-abgefuckte Pragmatikcheckerin das Kommando im Kopf und es wird schwierig. Was sage ich eigentlich meiner Vermittlerin bei der Arbeitsagentur (diese Formulierung musste ich mir auch mantraartig zu eigen machen, um bloß nicht aus Versehen Amt oder Frau vom Amt oder etwas ähnlich Überkommenes zu sagen. Ich glaube, dann werden einem sofort drei Monate Arbeitslosengeld gestrichen), wenn die mich, ihre Kundin (jawohl! Nicht etwa Arbeitslose, akademische Nonperformerin oder sowas) nach dem Coaching fragt? Vielleicht packe ich vorher eine Thermoskanne mit beruhigendem basischen Tee ein und biete ihr den an. Ich kann ja den Coach in einer der nächsten Sitzungen fragen, welche (Bachblüten?)-Sorten sich dafür eignen.

Schild und Hummel ins Fenster und los geht´s: Auch ein Modell der Personal- und Arbeitsberatung. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir hier auch eine speziell gebriefte und geweihte heilpraktische Hummel.

Veröffentlicht in: Job