Geordnete Grabsteine

Der kürzeste Fußweg zur Schwägerin im Süddeutschen an der Bergstraße führt über einen Friedhof. Ich weiß nicht, ob darin ein Subtext verborgen liegt. Wobei, auf Friedhöfen geht es ja friedlich zu. Beim Vorbeilatschen an Gräbern fällt mir ein greller Sticker ins Auge. Wieso klebt jemand Sticker auf einen Grabstein? Vielleicht Jugendliche, des Nächtens um zwölfe als Mutprobe? Ich lese. Nein, keine Jugendlichen. Vielmehr, wohl am hellichten Tag von städtisch Uniformierten geklebt, ein Hinweis auf mangelnde Grabpflege. Von der Gemeinde, irgendein friedhofstasiähnliches Aufsichtsamt. „Grabstelle ungepflegt“, prangert der Aufkleber an. „Im Interesse eines geordneten Gesamtbildes“ auf dem Friedhof mögen die Angehörigen gefälligst das Grab aufhübschen. Ich glaube, es lebt von dieser Familie unter der Platte einfach niemand mehr, der sich ums Grab kümmern könnte, der jüngste Verblichene schied 1987 von dannen. Vor fast 30 Jahren. Die armen Toten. Liegen jetzt unter dieser schweren Steinplatte und schämen sich knochenklappernd ob der Schmach, die der diffamierende Warnhinweis über ihre letzte Ruhestätte und die ausgestorbene, einst ruhmvolle Familie bringt. Und wie schlimm die Vorstellung, dass man, wenn man die irdische Pein endlich hinter sich gelassen hat, von missgünstigen, mit verschiedenfarbigen Utensilien ausgestatteten städtischen Aufklebegesandten nicht in Ruhe gelassen wird. Das ewige Kleben. Vielleicht liegt in der Bibel ein Übersetzungsfehler vor.

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