Ein Hund wird nass

Vor dem Lidl-Markt ist ein Hund (nicht der auf dem Bild) angebunden. Er guckt treu drein und sieht ein wenig struppig und verschlissen aus. Als ich an der Kasse stehe, stürmt eine Frau, Modell: resolute Retterin im Rentenalter, in den Markt und ruft: „Hat jemand einen Hund draußen angebunden?“ Niemand meldet sich. Vielleicht auch aus Furcht vor der resoluten Retterin.
Draußen hat sich in der Zwischenzeit eine Traube von Menschen um den struppigen Hund gebildet. Zum Schutz vor dem Regen, der eingesetzt hat, werden kleine Taschenschirme über ihn gehalten. Ein Dutzend Gutmenschen redet wild und erbost durcheinander. „Unverantwortlich, so etwas!“ sagen sie und „Man muss die Polizei holen!“
In Deutschland werden Kinder aus Fenstern geworfen, mit Methadon umgebracht oder sie verhungern in ihrem Kinderzimmer; Neugeborene werden in Blumenkästen eingegraben, ohne dass dies alles jemandem auffallen oder jemanden auf den Plan rufen könnte. Aber wenn ein Hund nass wird, kennt die Zivilcourage keine Grenzen.