Blicke am Niederrhein

Mit viel Tamtam hat das ZDF seine Krimiserie „Parfum“, sehr lose angelehnt an den Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind, angekündigt. Innerhalb weniger Tage habe ich die sechs Folgen gesehen und der prägende, bleibende Eindruck ist: Das ZDF will sich und der Welt beweisen, dass es moderner ist als sein Ruf. Der Serie nutzt das nicht unbedingt.

Ambitioniertes Setting. Ausgeklügelte Ästhetik. Kamerafahrten ohne Ende. So viele Kamerafahrten und Schwenks, bevorzugt langsam diagonal von unten nach oben, habe ich zuletzt während meines Studiums gesehen, beim Analysieren französischer Filmgeschichte-Filme. In denen mutieren auch jeder Blick, jede Szene, jede Handbewegung, jede Kamerafahrt zum übergroß ausgeleuchteten, kräftig ausgepinselten Über-Bedeutungsangebot. Zudem wird sehr viel geblickt in „Parfum“. Vermutlich waren unzählige Wiederholungsdrehs für diese Einstellungen erforderlich, in denen die Schauspielerinnen und Schauspieler immer bedeutungsvoll blicken müssen. Das ganze Blicken und Verharren und Kameraschwenken macht das „Parfum“-Serienschauen schon sehr anstrengend. Zum Glück ist die niederrheinische Landschaft, in der die Handlung angesiedelt ist, langweilig, da kann man dann immer mal wieder Luft holen und dem Auge auf öder Fläche Ruhe gönnen.

Das ZDF hat für die Serie, bei der auch Netflix mitgemischt hat, noch den allerletzten Trumpf aus dem Ärmel geholt um zu zeigen: Hah! Wir können auch heutig! Schaut her, alles aus Glas und mit postmoderner Färbung! Keine Spur weit und breit von der Aktenzeichen-XY-Behäbigkeit überfallener Siebzigjähriger mit Tresor im Schlafzimmer. Nein! Lauter Protagonistenfiguren im besten Midlife-Crisis-Alter, mit durchgestylten Gutverdienerschuppen nebst Swimmingpool. Wow! Alles ist riesig, raumfüllend, überwältigend, voller Spirit und schicker Individualität.

Mit den Figuren hat es dagegen nicht ganz so weit gereicht. Keine der weiblichen Hauptfiguren ist ohne Kind denkbar, Kind muss sein, und wo noch keins da ist, muss die Frau wenigstens schwanger werden. Und die schwanger gewordene Frau muss ihren Geliebten, der es gezeugt hat, natürlich erpressen, und sie muss dem Herzton des Ungeborenen bei der gynäkologischen Untersuchung, die eigentlich der Abtreibung dienen soll, erliegen. Sogar die Prostituierten müssen noch Kinder haben, die dann während der Bordelltätigkeit in den Schrank gesperrt werden. Da macht das ZDF jetzt mal keine Kompromisse! Aber es verliert sich schon sehr viel auf der Klischee-Ebene, was man als realitätsnah präsentieren möchte: Der als Kind von seiner Mutter sexuell missbrauchte Junge ist heute Zuhälter und Bordellchef, das Ganze wird als Rache an der Frau inszeniert, sogar der Satz „Ihr vom Jugendamt seid die größten Fotzen!“ darf in dieser total schonungslosen Rotzoffensive des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschrien werden. Das erste Mordopfer ist eine rothaarige Sängerin, die natürlich, wie es das Rothaarigen-Klischee will, unzählige Männer hatte, nach jedem ihrer Auftritte nahm sie einen mit nach Hause. Auf ihrer Matratze werden genüsslich Spermaspuren von mehr als 50 Männern festgestellt, und das auf einer Matratze, die erst zwei Jahre alt ist! Ein Kind hat die rothaarige promiske Tote natürlich auch.

Die meiste Serienzeit wird darauf verwendet, die sprichwörtlichen Jugendsünden von vier Internatsjungs und zwei Mädchen zu erzählen und mit den erwachsenen Menschen, die sie heute sind und die unter Mordverdacht wegen der „Parfum“-Morde im niederrheinischen Niemandsland stehen, fortzuführen. Als Jugendliche haben sie mit Düften experimentiert, wie es Jean-Baptiste Grenouille im Roman tut, einer davon macht dies später zum Beruf und erstellt persönliche Parfums für Prominente in Paris. Ist er vielleicht der Mörder? So viel sei verraten: Er ist es nicht. Und die Auflösung am Ende der Serie entspricht dem alten Klischee „Der Mörder ist immer der Gärtner“. Was bei dem ganzen komplexen Figurenspektakel mit ausgeleuchteten Jugend- und Erwachsenenproblemen vorher ein bisschen enttäuschend ist.