Das scheinen sich viele Unternehmen zu denken, beziehungsweise diejenigen Personen in Unternehmen, die an der Einstellung (neudeutsch: Onboarding) von Kommunikationsmenschen beteiligt sind. „Wir kriegen nie genug!“ – an Bewerbern, Gesprächen, Verkomplizierung der Prozesse, und am Ende fängt man einfach wieder von vorne an mit der Bewerbung, anstatt jemanden einzustellen, der über Monate die ganzen enervierenden Etappen des Bewerbungsverfahrens tapfer und psychisch unbehelligt durchgestanden hat.
Der Reihe nach. Ende September 2015 bewerbe ich mich auf eine Stelle bei einem mittelständischen Unternehmen in der Region Bonn-Rhein/Sieg. Anfang November findet ein Bewerbungsgespräch statt. Mit Kommunikations- und Personalabteilungsvertreterinnen. Das Gespräch dauert zwei Stunden. Es wird ein bisschen Druck ausgeübt hinsichtlich meines gewünschten Starttermins Mitte Januar 2016 (drollig, wenn man bedenkt, dass jetzt die Stelle gar nicht besetzt ist). Es soll einen zweiten Gesprächstermin geben, und in der Zwischenzeit habe ich zwei Psychotests zu absolvieren und die Ergebnisse einzureichen (einer davon ist der von mir so getaufte Eagle-Girl-Test). Mache ich brav. Der zweite Gesprächstermin soll vier Stunden dauern und findet dann doch erst Mitte Dezember statt. Vom Starttermin redet keiner mehr. In den für den zweiten Termin anberaumten Gesprächsrunden soll ich mich durch wechselnde Besetzungen talken, bis hin zum Vorstandsvorsitzenden in der letzten Stunde. Auf Deutsch, auf Englisch. Ok. Los geht´s.
Man fragt mich eifrig aus, eine Kollegin hat sogar einen Notizblock dabei und notiert meine Ideen und Vorschläge emsig mit. Fast habe ich es geschafft, da wird bei der letzten Staffelübergabe ein Codewort ausgetauscht, das ich sofort dechiffriere: „Ach, Frau Soundso, der Vorstandsvorsitzende hat heute nun doch kurzfristig keine Zeit für den Termin mit Frau Harmuth.“ Durch die offenstehende Tür sehe ich eben jenen Herrn Vorstandsvorsitzenden gegenüber in seinem Büro verschwinden. Ich bin also raus. Die Talkrunde hat entschieden, mich dem Chef gar nicht mehr erst vorzustellen, hat aber nicht den Schneid, mir das einfach zu sagen. Stattdessen wendet man sich jetzt an mich und erzählt mir, dass ich zu einem weiteren, dritten Termin mit dem Vorstandsvorsitzenden eingeladen werde. Kein Thema, die flexible Frau Harmuth spielt das Spiel mit. Vielleicht werde ich 2016 auch einfach ein bisschen rotziger, erdiger in solchen Situationen und spreche einfach aus, was ist. Sagen, was ist. Hat das nicht sogar Herr Gauck jüngst in einer Rede erwähnt? Also, sowas wie: „Wissen Sie, ich bin ein kritik-, realitäts- und konflikterprobter Mensch. Ich bin eine stabile Persönlichkeit. Sie können mir einfach sagen, dass Sie sich gegen mich entschieden haben. Auf Deutsch oder auf Englisch, wie Sie mögen.“
Statt der Einladung zum dritten Termin erhalte ich wenige Tage später folgerichtig die Absage. Per E-Mail. Von der Praktikantin der Personalabteilung. Ich kann es kaum fassen, als Ende Dezember exakt diese Stelle wieder ausgeschrieben ist, diesmal bei einer anderen Internet-Stellenbörse als beim ersten Mal, ansonsten alles identisch. Sogar zweisprachig diesmal. Es war also niemand aus dem sich über drei Monate hinziehenden Bewerbungsprozess mit all den vielen Stunden Gesprächen und Schwurbelfragenbeantworten gut genug für diese Stelle bei diesem mittelständischen Unternehmen? Wir kriegen nie genug.
Wie kann man darauf reagieren? Zum Beispiel so, mit einem (an Silvester gemeinsam mit Uwe spontan geäußerten) Abwehrreflex:
Am Rande und der Vollständigkeit halber, hat überhaupt nichts mit dem Thema zu tun, aber mit mir und Uwe. Normalerweise, das Jahr über, gibt es uns gemeinsam eher so – beim Spinning (hier mit Katalyn in der Mitte):
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
