„Seinen eigenen Tod vorzutäuschen, um Weihnachten zum Fest der Liebe und Familie zu machen, ist ein böser Trick, der aber funktioniert, weil er zum Happy End führt und alle glücklich macht“, schreibt ein Horizont-Kommentator aktuell zum quer durch die Medienlandschaft und die Republik polarisierenden Edeka-Spot „Heimkommen“. Wirklich? Nein. Denn damit geht man diesem oberflächlichen Spot so richtig auf den Leim.
Die betreuende Agentur Jung von Matt hat es immerhin geschafft, in aller Munde und in wirklich allen Medien zu sein mit dem Opi, den zu Weihnachten keines der an unterschiedlichen Ecken der Welt mitten im Leben stehenden Familienmitglieder besuchen kann oder will. Also verschickt er seine eigene Todesanzeige und der Clan reist zur Beerdigung an. Um dann (hocherfreut!) festzustellen, dass Opi noch lebt, alle so richtig gelinkt hat und sich umgehend lachend und schmausend an der festlich gedeckten Tafel gütlich zu tun.
Für mich funktioniert der Spot überhaupt nicht. Das hat mit mir, aber auch mit dem Spot zu tun. Zu mir: Familie ist für mich nicht Weihnachten. Von jeher sträube ich mich gegen diesen kulturell auferlegten Zwang, sich an Weihnachten mehrere Tage in Folge krampfhaft um fettes Essen an zu kleinen Tischen in stickiger Wohnzimmerluft versammeln zu müssen, wobei die Verwandtschaftsgrade mit fortschreitender Weihnachtstagezahl immer weiter ausdünnen. An Weihnachten herrscht in jedem Sinne die dickste Luft und werden die schlimmsten Schlachten geschlagen, es ist eher das Fest der Hiebe als das Fest der Liebe. Für Opi im Spot muss das aber sein. Weihnachten mit alle woanders ist kein Weihnachten. Nun ist es aber nicht so, dass Opi einfach, wenn er schon die Familie um sich haben möchte, zu einem beliebig verstreuten Familienmitglied reist, nein, die ältere Generation hält Hof und alle anderen haben sich danach zu richten.
Zum Spot: Vielleicht ist bei Jung von Matt was durcheinandergeraten. „Wiederauferstanden von den Toten“ gehört ja eigentlich zum höchsten Christenfest, zu Ostern. Vielleicht ist es auch witzig, auf diese Weise eine Melange aus Ostern und Weihnachten zu schaffen? Wostern, Onachten? Ich möchte zudem wirklich die Familie sehen, die durch das dunkelste Tal geschritten ist, die um einen nahen Verwandten, den Vater und Großvater, trauert, sich gedanklich in der Welt von Särgen und Friedhöfen bewegt, und sich dann frohsinnigst um die leinengedeckte Tafel im Kerzenlicht schart. Das Problem dieses Spots ist nicht, dass es um Weihnachten geht. Denn der Anlass ist austauschbar, es könnte sich genausogut um Opis Geburtstag handeln. Das Problem dieses Spots ist, dass er den Verlust eines geliebten Menschen verhöhnt. Da hat Jung von Matt ein großes Fass aufgemacht, ähnlich wie Oliviero Toscani für Benetton in den neunziger Jahren mit den verstörenden Fotos von Aids-Toten und blutverschmierten Soldatenklamotten. Damals wie heute hat Werbung in diesen emotionalen Welten des Schocks und der tiefen Trauer einfach nichts verloren.
Update: Joko und Klaas haben eine Parodie auf den Spot gedreht, die meiner Grundhaltung entgegenkommt. Ich freue mich über die Gleichgesinnung und empfehle den DWDL-Link.
Update: Im März 2016 hat der fiese Spot den Deutschen Werbefilmpreis gewonnen. Da ich bislang nichts von dieser Auszeichnung gehört hatte, lohnte ein bisschen Websitestöbern. Die Deutsche Werbefilmakademie, 2013 gegründet, braucht vermutlich Publicity und hat diesen Preis ins Leben gerufen. Da in der Jury nur Werbefilmleute sitzen (die vielleicht sogar selbst am Spot mitgewirkt haben?), kein überraschendes Ergebnis.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.