Da haben die tausend Typen der deutschen Gesellschaft was eingebrockt in der Silvesternacht auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs. Eine Riesendebatte, die unübersichtlich, polemisch und unsauber geführt wird, es gibt eigentlich nur Meinungsjournalismus, Betroffenheitsjournalismus und verdrehte, verquere Logiken und Argumentationen in diesem Zusammenhang, die entlang von Schlagwörtern wie Feminismus und Sexismus geführt werden.
Die neue Kölner Oberbürgermeisterin stolpert von einem kommunikativen Fettnäpfchen ins nächste (Frauen und Mädchen, die ausgehen, sollen in der Gruppe bleiben und „mehr als eine Armlänge Abstand“ zu Männern halten). Gott im Himmel! Henriette Reker hat damit zu Recht einen Shitstorm geerntet und sich einen Tag später für ihre Äußerungen entschuldigt. Hilfreich in der Sache und in der Debatte sind diese Verhaltenstipps anno 1803 leider gar nicht.
Wenn die Fakten stimmen, soweit sie gesichert scheinen im Moment, haben bis zu tausend Männer, die als arabisch und nordafrikanisch aussehend beschrieben werden, in der Nacht zum ersten Januar auf dem Platz zwischen Kölner Dom und Hauptbahnhof Dutzende Frauen sexuell belästigt, bedrängt und dazu gebracht, sich weinend und verzweifelt den leider völlig unterdimensioniert eingesetzten Polizeikräften vor Ort anzuvertrauen. In einem ARD-Brennpunkt ist davon die Rede, dass die übergriffigen Männer um Hilfe rufende Frauen abgeschirmt und umringt hätten, um ein Durchdringen der Polizisten zu ihnen zu verhindern. In einem WDR-Beitrag habe ich gelesen, dass die schmutzigen Handlungen auch an Polizistinnen vollzogen wurden, dass einer Ordnungskraft in die Hose gefasst worden sei. Die Taten sind, da sind wir uns wohl alle einig, widerlich und zu verurteilen. Ich hoffe, dass alle Frauen, die zu Schaden gekommen sind, den Schritt zur Anzeige wagen und keine gesundheitlichen Schäden davontragen. Ich hoffe auch, dass diese wieder einmal sehr männlich geführte Debatte eine Wendung nimmt beziehungsweise sich von den momentan tonangebenden Linien verabschiedet. Denn der Tenor im Moment ist: Seht her, die Araber machen uns in Deutschland unsere schöne Gleichberechtigung kaputt und plötzlich hält der Sexismus in unseren schön aufgeräumten Umgang mit unseren lieben deutschen Frauen wieder Einzug! Die Flüchtlinge sind Schuld!
Geradezu phänotypisch ist ein Beitrag aus dem Sat.1 Frühstücksfernsehen. Ein selbstgefälliger, CSU-Positionen gutheißender Pseudopromijournalist hält Hof, und es gibt tatsächlich Frauen, die diese jämmerliche Macho-Inszenierung auf Facebook liken. Wir wollen doch mal festhalten: Frauen werden jährlich tausendfach, das ist zumindest die offizielle Zahl, von Männern vergewaltigt. In Deutschland. Im feinen, sauberen Deutschland von feinen, sauberen auch deutschen Männern. 8.000 Vergewaltigungen werden jedes Jahr zur Anzeige gebracht, und nur ein Bruchteil davon kommt überhaupt zur Verhandlung. Frauen verdienen in diesem angeblich gleichberechtigten und angeblich sexismusfreien Land nach wie vor eklatant weniger als Männer auf vergleichbaren Positionen. Frauen sind in der Öffentlichkeit widerlichen Diskussionen um ihre primären Geschlechtsmerkmale ausgesetzt – man denke etwa an die wochenlange mediale Aufregung um die Kanzlerinnenbrüste im Festkleid vor einigen Jahren oder an die Titten-Titelei rund um Brüderle und seine verbale Entgleisung einer Stern-Journalistin gegenüber.
In Bonn läuft noch bis Mitte Februar eine sehr aufschlussreiche Ausstellung zum Thema Sexualmoral, die sich vor allem mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau und dem Vergleich derselben zwischen BRD und DDR auseinandersetzt. Als Besucherin dieser Ausstellung hätte ich am liebsten gleich zu Beginn, bei Schulungsvideos als Vorbereitung für die Rolle als Ehefrau aus den 1950er Jahren, einen schrillen Ton angestimmt und in diesem bis zum letzten Exponatbereich der Ausstellung zum Thema Pornografie – Auszug: 60 Prozent der erwachsenen Männer in Deutschland konsumieren mehrmals wöchentlich Pornografie, die Hauptzugriffszeit auf entsprechende Angebote erfolgt in der Zeit zwischen 9 und 17 Uhr werktags – durchgeschrien. Noch in den 1970er Jahren warb Dr. Oetker erfolgreich mit einem TV-Spot, der konstatiert: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Und was soll ich kochen?“
Liebe deutsche Männer, ob bei (selbstverständlich nach wie vor männerdominierten) Medien, in der Politik oder sonstwo polternd unterwegs: Fragt euch mal, wie ihr jeden Tag mit euren Kolleginnen umgeht, ob ihr euch vorstellen könnt, dass eure Frau den gleichen Job macht wie ihr, wie ihr in der Öffentlichkeit andere Frauen abscannt und mit euren Blicken auszieht, wie locker euch frauenfeindliche, abschätzige Sprüche und Witze über die Lippen kommen, und dann hängt da mal ganz groß das Schild „Sexismus“ drüber. Und lest diesen Zeit-Kommentar. Zitat:
„Bevor wir überhaupt genau wissen, was passiert ist, bevor wir wissen, was die richtige Bezeichnung dafür ist, bevor wir darüber nachdenken konnten, ob das, was an Silvester in Köln geschehen ist, verwandt oder nicht verwandt ist mit dem, was wir andernorts an sexualisierter Gewalt erleben, sind aus allen Löchern Deuter und Kommentatoren gekrochen. Sonst schreiben sie nie über sexuelle Gewalt, aber zu solchen Anlässen leitartikeln sie und schnellschießen sie, und sie pressen Thesen heraus, die in ihr übriges Weltbild passen und uns Frauen zwingen, wiederum über unsere übrigen politischen Loyalitäten nachzudenken, bevor wir über die Sache selbst nachdenken können.“
Update: #ausnahmslos – 400 Erstunterzeichner haben eine Erklärung gegen sexualisierte Gewalt veröffentlicht:
„Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter die vermeintlich „Anderen“ sind: die muslimischen, arabischen, Schwarzen oder nordafrikanischen Männer – kurzum, all jene, die rechte Populist_innen als „nicht deutsch“ verstehen. Sie darf auch nicht nur dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Opfer (vermeintlich) weiße Cis2-Frauen sind. Der Einsatz gegen sexualisierte Gewalt muss jeden Tag ausnahmslos politische Priorität haben, denn sie ist ein fortwährendes Problem, das uns alle betrifft.“
Zum Abschluss eine Zusammenfassung der heute show:
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| Quelle: ZDF/colourbox.de, http://www.heute-show.de/zdf/artikel/134310/warum-gibt-es-nur-ratschlage-fur-frauen.html |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
