Presswurst in Pailetten

Das Jahr begann auf schwankendem Grund. Im Nebel. So dichter Nebel, dass noch nicht einmal das Feuerwerk zu sehen war. Der Mann und ich waren auf einem gigantischen Schiff am Europoort in Rotterdam, und ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Idee gekommen war, das könnte irgendwie romantisch und idyllisch sein. Vermutlich hatte ich unsere beschaulichen Rhein- und Mosel-Schifffahrten im Kopf. Schon auf der Fahrt in die Niederlande verließ mich der Mut, als sich vom sonnigen Rheinland kommend vor uns eine riesige graue Wand aufbaute – in was fahren wir da hinein? In Nebel! Der wurde so dicht und immer dichter, dass mich das Weltende-Grauen packte. Die abschließende, 30 km (!) lange Fahrt durch das Rotterdamer Monster-Hafengebiet bis zum Anleger verbrachte ich mit ungläubigem Aus-dem-Fenster-Linsen, der festen Überzeugung, aus dem Nebel würden gleich Boote aufscheinen, die in den Hades übersetzen. Stattdessen standen wir irgendwann vor dem Silvesterfahrt-Schiff, der Pride of Rotterdam. So groß, dass im Nebel nur der untere Teil überhaupt zu sehen war und die Ausmaße des Dampfers im Nebel verwaberten. Ich hatte Schiss. Der Nebel, dieses endlose und entgrenzte Giga-Hafengelände, das große, bedrohlich wirkende Schiff, alles so unheimlich. Ich dachte an meine erste Begegnung mit einem Kreuzfahrtschiff zurück, der Queen Mary, die ich vor Jahren an der Elbe sitzend beim Einlaufen abends um elf in den Hamburger Hafen bestaunte. Eines der unheimlichsten Erlebnisse ever. Ich rechnete damals beim durch Mark und Bein dröhnenden Sound der Schiffsirene damit, dass gleich Tom Cruise mit seinem Fluchtfahrzeug aus „Krieg der Welten“ um die Ecke biegen würde. „Ich will wieder nach Hause“, höre ich mich zu meinem Mann sagen. Der reagiert, wie immer in solchen Situationen, cool: „OK. Überleg es dir. Und wenn du nicht aufs Schiff willst, dann fahren wir die drei Stunden nach Köln wieder zurück.“ Ich fasse mir nach einer halben Ewigkeit ein Herz und wir checken ein. Dieses Silvester an Bord der Pride of Rotterdam wird das zweitödeste meines Lebens werden, getoppt nur von dem als Dreizehnjähriger, als ich mit einem Gipsbein von meinen Eltern mit zu deren Freunden geschleift wurde und mir den ganzen Abend zunehmend alkoholisierte Enddreißiger von der Couch aus anschauen musste. An Bord zu 99,5 Prozent die ältere Generation über 60, die Damen glitzern und glimmern um die Wette in ihren in der Regel zu eng sitzenden Oberteilen und Kleidern. Presswurst in Pailetten. Es läuft seltsame Musik, ich kann mich noch nicht einmal mit sinnlosem Auf-der-Tanzfläche-Herumstolpern retten, wie ich das zwischendurch gehofft hatte. Am Nebentisch inhalieren Mittzwanziger die Helium-Luftballons aus der Tischdeko leer und filmen sich gegenseitig beim Plappern mit Heliumstimmen. Irgendwann ist es zwölf, wir schleppen uns raus in die Kälte, den Nebel und, wie sich herausstellt, jetzt auch noch Regen aufs sogenannte Sonnendeck. Sehen gefärbten Nebel, wo eigentlich ein Feuerwerk zu sehen sein sollte. Nach drei Millisekunden bin ich wieder drinnen, setze mich zurück ans Tischchen, an dem schon die letzten Stunden die Zeit so zäh dahinfloss und denke mir, ein Jahr, das so anfängt, kann eigentlich nur harmlos sein. Eines, das belang- und konturlos im Nebel der Zeitläufte verschwindet.