Das „Manneken Pis“ steht zwar in Brüssel, aber der Mann und ich haben es, sitzend, in Brügge gesehen. Beim Blick aus dem Caféfenster an der Sint Salvatorskathedraal. Ein mittelgroßer Mann mit Migrationshintergrund baut direkt unterhalb unserer Fensterbank (und die sind im flämischen Raum ja nahezu bodentief; wir haben also Kinofeeling) einen Plastiksitz auf. Trennt eine Tüte aus seiner Mülltütenrolle ab. Bringt diese Tüte unterhalb des aufklappbaren mobilen Klogestells an. Auftritt kleine Tochter von rechts. Tochter nimmt auf dem Klo to go Platz. Wir bekommen es mit der Angst zu tun, dass sie ein großes Geschäft erledigen muss. Muss sie zum Glück nicht; nach vollbrachter Blasenentleerung trägt Papa den gelb leuchtenden Beutel zum öffentlichen Mülleimer und wirft ihn hinein. Mein Kopf ist voller Fragen, die mir niemand beantworten kann. Warum geht der Mann nicht einfach auf eine Toilette mit seiner Tochter, mitten in der Stadt? Ist es nicht furchtbar unhygienisch und krankheitsfördernd, Urin in einen öffentlichen Mülleimer zu werfen? Wozu wurden schließlich die Kanalisation und das Wasserklosett erfunden? Wenn es schon das mobile Klöchen fürs Töchterchen sein muss, warum dann nicht in einer uneinsehbaren Ecke, sondern mehr oder weniger mitten auf dem Platz und unterhalb eines Cafétisches von Menschen, die gerade Appeltaart und Croque Monsieur verzehren? Ist der Herr Papa mit der Pipibox vielleicht frisch eingewandert und weiß gar nicht, dass es in Brügge Toiletten mit Wasserspülung gibt, die alle benutzen dürfen? Hat er vielleicht einen Hund und hat sich gedacht, das Hundeprinzip mit der Kackatüte lässt sich auch auf andere kleine Lebewesen übertragen? Auf der anderen Seite der Fensterscheibe stellt man sich all diese Fragen nicht. Das Plastiksitzklo wird zusammengeklappt, die Tochter an die Hand genommen – und weiter geht´s im Brüggener nachweihnachtlichen Straßengetümmel.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.