Pünktlich um 20.01 Uhr geht es los. Man hat es mit Schweizern zu tun! Keine Vorgruppe, kein Wartenlassen, keine Starallüren. Licht aus, Bühnenshow an, Dieter Meier tritt vor die Menge wie ein Samstagabend-Fernsehgastgeber im öffentlichen Rundfunk und grüßt entspannt. „Schönen guten Abend!“ Er spricht leise und locker in sein Mikrofon, kommt rüber wie ein sehr eleganter älterer Herr, der sich gerade bei einer Tasse erlesenen Tees durch ein Stück Torte gegabelt hat und führt mit viel Witz in die Performance: „Wir sind ja eine junge, in öffentlichen Auftritten noch unerfahrene Band. Der erste Titel ist deshalb durchaus programmatisch zu verstehen: DO IT!“
Rumms, schepper, die Musik startet. Boris Blank lässt Kabel, Pult, Schalter, Computer und weitere elektronische Devotionalen glühen, Dieter Meiers Stimme klingt unglaublicherweise auch mit 72 Jahren exakt so wie vor Jahrzehnten und ich bewundere die Haarpracht der beiden Herren. Sind das Toupets, sind die echt, ist das wie beim Berlusconi gelaufen? Faszinierend. Der ganze Auftritt und die Stimmung haben etwas sehr Konzentriertes, Ruhiges, Geordnetes, obwohl die Beats krachen und knallbunte Videos über die Leinwand rasen. Nach jedem Stück bedankt sich Dieter Meier beim Publikum sehr höflich, sagt ein paar erklärende Sätze, leitet über – wie ein humorvoller, gut gelaunter Conferencier. Mit besten Manieren und zuvorkommenden Gesten werden die am Mikrofon und an den Instrumenten mitwirkenden Künstlerinnen und Künstler gewürdigt. Der ganze Auftritt ist so stilvoll und kultiviert, dass die Lanxess-Arena als Rahmen seltsam unpassend erscheint. Ein altes, ehrwürdiges Theater wäre als Rahmen geeigneter gewesen und livriertes Personal, das Sektkelche, Champagnerschalen und Lachsschnittchen reicht. Die Schweizer haben einfach jeglichen Firlefanz überhaupt nicht nötig, denke ich. Die müssen noch nicht mal bei ihren eigenen Konzerten laut sein. Es muss das sein, was die schweizerische Kabarettistin Hazel Brugger neulich in den schönen Satz fasste: „Wir brauchen keine Gefühle, wir haben Geld.“
„Der Sound in der Lanxess-Arena ist einfach Scheiße“, formuliert fernab meiner Theaterplüschphantasien der Mann an meiner Seite. „Da kriegen die glasklare digitale Töne rein und der Sound ist trotzdem Scheiße.“ Ob das jetzt in einem staubigen Theater besser funktioniert hätte, sei natürlich dahingestellt. Das Publikum ist richtig alt, ich sehe nicht viele Jüngere als uns, und wir sind ja auch schon Generation Midlife-Crisis. „Viele Männer hier“, sage ich zum Mann. „Du bist ja auch auf einem Alte-Männer-Konzert“, erwidert er. Damit mal wieder 1:0 für den Kerl, mir fällt keine Replik darauf ein. Also weiter beschallen und von Bildern mitreißen lassen. Zwei Stunden dauert der Auftritt, bestens gelaunt und beschwingt verlasse ich die Lanxess-Arena und frage mich auf dem Nachhauseweg, ob ich es auch schaffen werde, mit 72 so dermaßen entspannt durch die Welt zu schlendern. Ich bin keine Schweizerin – vermutlich scheitert es am Geld.
![]() |
| Ist schon ein paar Jahre her, aber ihrem Stil sind Dieter Meyer (links) und Boris Blank in jeder Hinsicht treu geblieben. Äußerlich wie musikalisch. |
| Fifi Rong trat als Gastkünstlerin auch auf. Megamäßige Hammerstimme. |
![]() |
| „High-Risk-Project“: Boris Blank (rechts) schnalzt und schnurrt ein paar Sounds ins Smartphone, und mit der App „Yellofire“ (echt jetzt) entsteht direkt auf der Bühne ein Song daraus. |
![]() |
| Durfte nicht fehlen und beschloss das beschwingte Yello-gute-Laune-gute-Manieren-Konzert: „The Race“. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.


