LeseRattenReport: Unterleuten

Es gibt nur wenige dicke, schwere, mehrere hundert Seiten umfassende Wälzer, die ich trotz ihrer Sperrigkeit gar nicht mehr aus der Hand legen mag, sondern gefesselt von der Geschichte immer nur weiterlese. „Der Distelfink“ von Donna Tartt ist so ein Buch, und auch „Unterleuten“ von Juli Zeh. Inhaltlich verbindet diese beiden Werke gar nichts, außer dass man ganz gewagt die Brücke vom Vogel Distelfink zum Vogel Kampfläufer schlagen könnte, der durch Naturschutzgebiete die Unterleutner Umwelt prägt. Nachdem ich neulich Maxim Biller im „Literarischen Quartett“ den Zeh-Roman in der Luft habe zerredenreißen hören, mit kalter Schnauze, wie es so seine Art ist, ist sicher der Distelfink auch das tiefergehende, schwerere, überdauerndere und international verständlichere Buch. Das macht aber nichts. „Unterleuten“ ist eine hervorragende, unterhaltsame Milieustudie voller überwältigend genau beschriebener Lebens- und Daseinsdetails aus sämtlichen Soziotopen, die das Gegenwartsdeutschland Anfang des 21. Jahrhunderts so zu bieten hat. „Unterleuten“ könnte in diesem Sinne in ein paar hundert Jahren so gelesen werden wie heute „Die Buddenbrooks“. Es wimmelt geradezu von Figuren in diesem Roman, der in einem erfundenen brandenburgischen Ort namens Unterleuten in der Nähe Berlins spielt. Beim Lesen hat man sofort für jede einzelne dieser Figuren ein Bild vor Augen, einfach weil sie alle so gegenwärtig und so phänotypisch sind und weil Juli Zeh jede einzelne dieser Figuren mit einer Mischung aus Originalität und Hass so schildert und durchleuchtet und sich jeweils selbst entlarven lässt, dass man das Gefühl nicht loswird, man kenne die Leute irgendwie. Es gibt die erschöpften Mittelalten und dynamischen Twentysomethings-Durchstarter, die die große, laute Stadt Berlin fliehen und sich eine vermeintliche Landhausidylle erschaffen (die Möbel aber selbstverständlich handverlesen und das Rustikale des Dorfs nur andeutend bis imitierend) und es gibt die eher alte Dorfbevölkerung, die Ureinwohner sozusagen, die sich in ihren jahrzehntelang verwobenen Strukturen und Machenschaften von den Neuen belästigt fühlen. Diese Strukturen und Machenschaften schildert Zeh über verschiedene Figuren hinweg – die Kapitel sind stets nach dem Nachnamen des- oder derjenigen benannt, aus deren Perspektive jeweils erzählt wird – und verbindet so auch die Gegenwart mit der Vergangenheit, die im Falle von Unterleuten in der DDR spielte. Alte Rechnungen sind offen, alte Schulden sind noch abzutragen, ein Netz der Gefälligkeiten und Abhängigkeiten wird immer weiter gesponnen, jeder ist gewissermaßen über die Vergangenheit erpressbar. Die Alteingesessenen wissen das und machen sich routiniert gegenseitig das Leben schwer, die neu Hinzugezogenen müssen es erst lernen. Für den Leser ist es wirklich ein Fest zu beobachten, wie die vermeintlich aufgeklärten, selbstgewissen, gebildeten Städter sich im Wort- und übertragenen Sinne blutige Nasen holen, weil sie mit ihren Weisheiten und Wahrheiten im Dorfsumpf nicht weiterkommen. Kokelnde Autoreifen an der Grundstücksgrenze, über Wochen schwelend und stinkend, machen dem Berliner Soziologiedozenten, der in Unterleuten als Vogelschützer für den Kampfläufer arbeitet, das Leben zur Hölle und bringen ihn an den Rand seiner Handlungsmöglichkeiten. Ausdiskutieren funktioniert nicht mit dem verrohten Nachbarn, der die glimmende Gummischweinerei immer nur kurzzeitig verschwinden lässt, wenn die Polizei anrückt. Unterleuten feiert das Archaische und das Anarchische, aber auf eine Art, dass einem als Leser das Lachen im Halse stecken bleibt. Zu untergründig sind die Intrigen, zu groß ist der Hass zwischen den Figuren, die sich beständig belauern und gegenseitig austricksen, jeder jeweils im Glauben, als Gewinner aus der Geschichte hervorzugehen. Der Leser weiß es in der Regel besser, kann aber mit keiner Figur richtig leiden (drei Tote gibt es sogar am Ende) oder sich freuen – sie sind einfach, jede für sich, zu große Kotzbrocken. Es hätte die Rahmenhandlung des Buchs, eine geplante Windparkanlage inmitten des Kampfläufer-Schutzgebietes, die sämtliche Dorfbewohner in Stellung gegeneinander bringt, vermutlich gar nicht gebraucht. Die Menschentypologien und ihre selbstgefälligen, selbstgerechten Denkweisen hätte Juli Zeh vermutlich auch ohne das Grundstück-Geschacher, das mit dem angekündigten Windpark ausbricht, so bestechend und entlarvend schildern können. Es hätte dann nur der Public-Relations-Referent des Windparkbetreibers als Figur gefehlt, ein junger Kerl, der bei Dorfversammlungen mit seinen Worthülsen und wohlklingenden Politphrasen alle in Grund und Boden redet, und auf den wollte Juli Zeh wahrscheinlich nicht verzichten. Er hätte im Panoptikum des Jahres 2016 auch auf jeden Fall eine Lücke hinterlassen.