Kleine Plätzchen backen

„Märchenhafte Plätzchen“, titelt die aktuelle „meine familie & ich“-Ausgabe an der Supermarktkasse. Es ist also wieder Plätzchenzeit. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die sich vor einigen Jahren in meiner Zeit als PR-Beraterin bei einer Kommunikationsagentur ergeben hat. Es begab sich aber zu der Zeit… Ja, so ungefähr. Der Kunde entstammt dem getreideverarbeitenden gewerblichen Umfeld. Das ist hoffentlich in rechtlicher Hinsicht ausreichend unverfänglich formuliert. Als PR-Maßnahme für die Weihnachtszeit wollten mein kleines Agenturteamchen und ich Plätzchenrezepte mit verschiedenen Mehlsorten und Getreideprodukten unters Volk bringen. Was als unproblematische Recherche und vielleicht von Muttern probebacken oder kurz gegenchecken lassen gedacht war, endete, wie so oft in diesen Kommunikationsmaßnahmen, die völlig jungfräulich und leichtfüßig geplant werden, in nicht vorhersehbaren Irrungen, Wirrungen, Komplikationen und Wahnsinnigkeiten.

Als Rezepte vorgeschlagen werden: Cookies von Schrot und Korn, Mokka-Nuss-Herzen und Mandelschnitten. Der erste Eindruck des Kunden: zu vollwertig. Öko. Kann der gemeine Bundesbürger diese Rezepte überhaupt verstehen? Der Kunde beschließt, die Rezepte von den jeweiligen Gattinnen (beim Kunden arbeiten in verantwortlicher Position, wie so oft, nur Herren) auf Herz und Nieren (auf Schrot und Korn) überpüfen zu lassen. Am nächsten Tag die unerbittliche Rückmeldung, der Schlag mit dem Nudelholz, per Fax: unterkringelte Zutaten, Fragezeichen. Ich wundere mich, dass gestandene Gattinnen handelsübliche Supermarktware nicht kennen sollen. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass doch weniger die küchenkundigen Ehefrauen, sondern vielmehr deren Ehemänner Kringel und Fragezeichen verteilt haben.

Anstößig: Die Cookies von Schrot und Korn enthalten Bananenchips. Das geht nicht. Bananenchips gibt es nicht aus deutscher Produktion, wo wachsen hier schon Bananen!, und man ist schließlich ein deutsches Unternehmen, da kann nicht einfach so etwas Exotisches wie eine getrocknete Banane in der Zutatenliste auftauchen! Auch nicht in der Zutatenliste haben kann man Sesamkörner, Sesamschrot und Rohrzucker. Der Rohrzucker hat ein Problem: In Deutschland wächst Zuckerrübe. Also muss Zuckerrübenzucker ins Rezept. Man einigt sich nach einigen Diskussionen auf braunen Zucker. Der kann auch aus Zuckerrüben sein. Sollte dennoch ein nicht ausreichend über die heimische Landwirtschaft informierter Plätzchenbäcker Rohrzucker kaufen, ist dieser Person eben nicht zu helfen! Aber der Kunde trägt wenigstens keine Schuld! Schwierig am Sesam, der nächsten Problemzutat: Man möchte nicht in die Öko-Ecke gedrängt werden, indem man die Plätzchenfreunde zum Zutatenkaufen ins Reformhaus schickt. Ich nutze also eine meiner Mittagspausen, um im ortsansässigen, durchschnittlich sortierten Supermarkt die Regale auf braunen Zucker, Sesamkörner, Sesamschrot und Mehle unterschiedlicher Typen hin zu durchforsten. Ich werde fündig. In allen Fällen. Bananenchips finde auch, von den Philippinen allerdings. Zwischenzeitlich hat auch meine Mutter alle drei vorgeschlagenen Rezepte sorgfältig gelesen und als für die durchschnittliche deutsche vorweihnachtliche Küche und darin Werkende für geeignet befunden. Diese Aktivitäten zur Rettung der Cookies von Schrot und Korn waren allerdings vergeblich, der Kunde möchte nicht mit diesem strittigen Rezept in Verbindung gebracht werden; ein neues muss her.

Alternative: Husarenkrapfen (wer denkt da nicht an Loriots Kosakenzipfel?). Die Husarenkrapfen sind leider gar nicht standhaft und ritterlich wie die Husaren, sondern fallen im ersten Kontakt mit dem Feind. Sie haben den Makel, dem Backenden die Auswahl zwischen Weizen- und Dinkelmehl zu lassen. Dinkelmehl ist aber schon in den Mandelschnitten enthalten, Weizenmehl verkäme so zur exklusiven Zutat in nur einem der drei Rezepte und ist schließlich auf dem deutschen Absatzmarkt dem Dinkelmehl haushoch überlegen! Nächste Runde: Hildabrötchen. Klassisches deutsches Kulturgut mit Weizenmehl für adventliche Backöfen. Tituliert im Schmonzettenstil als „Für romantische Kaffeeliebhaber: Mokka-Nuss-Herzen“, „Beliebte Klassiker: Hildabrötchen“ und „Vollwertige Vierecke: Mandelschnitten“ gibt der Kunde die Rezepte endlich frei, der verbale Zuckerguss funktioniert. Der Advents-Aussand geht raus. Kurz darauf klingelt das Telefon. Der Kunde ist dran. Es ist aufgefallen, dass man das zur Begleitung der Rezepte mitgesandte Foto von Ausstechförmchen gar nicht verwenden darf, weil man die Rechte daran nicht besitzt.

Veröffentlicht in: Job